Der Mythos Herz gegen Kopf – Gefühl gegen Verstand

Mythos Herz versus Kopf Gefühl VerstandEs hält sich hartnäckig: Der Verstand (Kopf) ist das Ego. Nur das Herz kennt den richtigen Weg. Manche sprechen auch vom Egoverstand … In der Spiritualität gilt es, das Ego zu überwinden. Wenn nun aber das Ego mit dem Verstand gleichgesetzt wird und zum Egoverstand wird, wer oder was genau liest in diesem Moment die Worte, die hier stehen? Ist es das Ego? Der Verstand? Der „Egoverstand“? Das Herz alleine ist zu kognitiven Prozessen nicht fähig. Man kann beim Lesen zwar Emotionen haben, aber man kann mit geschlossenen Augen nicht lesen. Aus dieser Schieflage heraus wird das Problem der achtlos gebrauchten Begriffe evident, denn folgt man konsequent dieser im begrifflich konnotierten, bzw. der so von der Populäresoterik vorgegeben Logik, scheint es (im Moment) nicht allzu viel Sinn zu machen, das Herz über den Kopf zu stellen. Erst das „Mentallicht“, das bewusste Verstehen- und Aufnehmenwollen des hier Geschriebenen, schafft Sinn. Bildlich ausgedrückt: Erst der Verstand wirft Licht in die Situation – auf diesen Text. Und das Herz (Gefühl) darf es finden, wie es mag.

Der bekannte Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) sagte: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“. Alleine der Mensch ist zu einer komplexen Sprache fähig. Er kann Lesen, Schreiben, Rechnen – Denken. Er kann reflektieren und erkennt sich im Spiegel als ein Ich, als ein von der Welt abgegrenztes Wesen. All das unterscheidet die Menschen von Flora und Fauna, wiewohl es m. E. nach klar ist, dass Tiere fühlen können.

Sieben Chakren Chakra Chakrasystem 7Betrachtet man das Chakrasystem und die damit in Verbindung stehenden feinstofflichen Auren um den Körper sowie die „jenseitigen“ Sphären (Astralebenen), so zeigt es sich in allen Systemen: Die Mentalebene steht über der Emotionalebene, sowie der Kopf physiologisch über dem Herz ist. Das Herz ist mit dem Herzchakra (4. Chakra) verbunden, der Verstand mit dem Stirnchakra (6. Chakra), Drittes Auge. Es ist also die Mentalebene das die Emotionalebene Umhüllende, das Höhere, das Subtilere, das den dichteren Emotionen Entwachsene – auch im Hinblick auf die spirituelle (bewusstseins-formende) Evolution, vom Stein zur Pflanze zum Tier zum Menschen … Davor scheint die Forderung Herz über Kopf so grob zu sein, als sage man „Stein über Pflanze“, proklamiere die rückwärtsgerichtete Evolution im Sinne eines esoterischen Reaktionismus‘ …

Es ist im Vedanta (indische Philosophie) das Wahre Selbst, Atman, im Menschen zu erkennen und zu verwirklichen. Dieses wahre Selbst, Atman, ist erfahrbar als Sat Chid Anananda. Sat bedeutet Reines Sein, Chid bedeutet Bewusstsein und Ananda bedeutet Freude. Das Ego ist im neutralsten Sprachgebrauch lediglich der Geist einer Person, die sich als Ich wahrnimmt; im psychologischen Kontext bezeichnet es nach Sigmund Freud (1856 – 1939) jenen Teil der Persönlichkeit, der zwischen Es, Über-Ich und Umwelt vermittelt. Umgangssprachlich mag jemand mit viel Ego als am Rande einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung stehend gelten, doch der Egobegriff im spirituellen Sprachgebrauch bezeichnet – m. E. nach in unverstandener Weise – den „Egoverstand“. Doch wer den Egoverstand als Feind detektiert und ev. mit puren Emotionen zu überwinden trachtet, übergeht meines Verständnisses nach die spirituell evolutionäre Ordnung und versucht, die Pflanze mit dem Stein zu „überwinden“, ohne die sublimere Ebene, der Mentalsphäre, zu erkennen, bzw. diese als nächstes evolutionäres Ziel zu sehen, im Sinne einer Gefühlsveredelung.

René Descartes (1596 – 1650), der französische Philosoph, sagte: „Ich denke, also bin ich“. Es müsste der nach obiger Darstellung spirituelle Mensch, gemäß Herz über Kopf, entgegenhalten: „Ich fühle, also bin ich.“ Im Vedanta wiederum ist der Sachverhalt klar: weder noch. Die Identifikation mit Emotionen ist sowenig „Atman“ wie die pure Identifikation mit dem Denken, weshalb der „Egoverstand“ einmal mehr als westlich-esoterische Simplifikation zu verbuchen ist. Der Verstand, das rechte Erkennen und Denken, die Bewusstheit an sich, kann erst dann überwunden werden, wenn er im vollsten Maße entwickelt ist, doch dies geschieht nicht über ein Mehr an Emotion, denn das Fühlen hat der Dritte-Auge-Mensch schon in zuvor gelebten Inkarnationen erfahren, gelebt und überwunden. Ein in die Welt inkarnierter, im besten Sinne verstandesbetonter Mensch ist demnach nicht da, um den Schritt zurück in bloßes Fühlen zu tun und kann sich damit auch nicht „überwinden“, sowie ein Tier sich nicht damit überwinden kann, wenn es zurück in das Pflanzenbewusstsein steigt, bzw. sich noch nicht als Ich – als Bewusstsein – begreift.
Es mag dies für den überwiegend emotional veranlagten Menschen, den Herzensmenschen, im Sinne eines mitfühlenden Verhaltens unverständlich sein. Das Fühlen an sich ist Elixier, ist Nektar und Ambrosius, ein allzu scharfer, analytischer Verstand ist da eher „Spielverderber“.
Das innere Wesen eines Herzensmenschen mag so sprechen: Da ist wieder einer, so ein „Kopfmensch“, der da unbeteiligt daneben steht, der erst denkt und dann fühlt, der einfach nicht „mittut“ und der damit auch noch glücklich ist.
Das innere Wesen des Kopf- bzw. Dritte-Auge-Menschen mag so sprechen: Da sind sie wieder, die „Kinder“, die Unvernünftigen, die, welche planlos ihren Launen folgen, instabil von Gefühl zu Gefühl geworfen, heute weinen sie, morgen lachen sie, ohne Einsicht, Verstehen und Weisheit.

Natürlich ist niemand seltenst ausschließlich Ratio oder Emotion, daher bitte ich obige Darstellung nicht absolut, sondern relativ, im Sinne einer Verdeutlichung, zu lesen. Das innere Wirken von Denken und Fühlen innerhalb einer Person ist natürlich weder separiert noch statisch, sondern vielmehr ein Zusammenspiel, gleichsam Ingenieurskunst der Seele, die sich für den Lebensauftrag innerhalb der gegenwärtigen Inkarnation eben damit ausgestattet hat, um genau damit ihre Erfahrungen zu machen. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Dritte-Auge-Mensch so wertneutral zu betrachten wie der Herzensmensch, bzw. sind Wertungen, die insbesondere aus der Populäresoterik stammen und vorrangig auf den Verstand zielen, eine „leidige“ Anprangerung, die m. E. nach lediglich Verwirrung, jedoch keine Klarheit schafft.

Sinnbild des Höherentwickelten – die Mentalsphäre

Ein Sinnbild von Herz und Kopf 

Man stelle sich zwei Menschen als Fahrer je in einem Auto vor. Es ist Nacht. Am Steuer sitzen je ein Herz- und ein Kopfmensch. Der Herzensmensch, ausgestattet mit unglaublicher Gefühlstiefe, fühlt sich mit Leichtigkeit in die Umgebung ein. Er fährt und fühlt, dass gleich ein Reh die Fahrbahn kreuzen wird, dass er gleich überholt wird, dass weiter vorne eine Kreuzung ist, dass da ein Stoppschild steht … Er fährt langsam, denn er fährt ohne Licht, und sich wirklich tief einzufühlen kostet Zeit. Alles will dem Wesen, nicht der Form nach erkannt und erfühlt sein. Nicht nur will er kein Licht brauchen, stört es ihn doch beim Fühlen, sondern ist es für diese Inkarnation, für diese Fahrt, für diesen Lebensweg für ihn essentiell, zu fühlen. Das Mentallicht, den Verstand, empfindet er als störend. Er navigiert über seine Gefühle.
Der Kopfmensch dagegen hat die Scheinwerfer, das Mentallicht, an. Er ist in der Ausstattung für seine Lebensfahrt, für seine Reise im Emotionalen ev. weniger, im Mentalen jedoch „mehr“. Was der emotionale Mensch fühlt, sieht er. Er braucht keine Gefühlstiefe mehr, um „richtig“ zu navigieren und hat den Vorteil, dass er „vorausschauend“ fahren kann. Da ist das Reh, es kreuzt gleich die Fahrbahn, ein Blick in den Rückspiegel zeigt ihm, dass er gleich überholt wird, die Kreuzung naht, und da ist das Stoppschild … Da er sich nicht einfühlt, ist er schnell(er). Das Mentallicht zeigt ihm ganz genau, wohin es geht, und nie ihm Leben käme er darauf, sich in exakt das einzufühlen, was er doch so glasklar sieht. Es ist für ihn nicht nur obsolet, sondern wie Fahren ohne Licht.

Menschen, die tief fühlen, schließen gerne und häufig die Augen. (Fahren ohne Licht.)
Menschen, die klar denken, blicken häufig mit Adleraugen in die Welt. (Fahren mit Licht.)

Ratschläge an den Kopfmensch, er solle das Denken lassen und mehr Emotionen zulassen, sind für ihn in der Regel nicht umsetzbar, denn er wird nicht wissen, was es heißt, Emotionen zuzulassen, sondern vielmehr darüber nachdenken, wie er es bewerkstelligen kann, mehr zu fühlen …
Im Gegenzug dazu wird der Gefühlsmensch in spirituellen Kreisen gemeinhin weniger behelligt, mehr Denken zu entwickeln, und ist auch dies für ihn in der Regel nicht umsetzbar, da er als Gefühlsmensch konfiguriert und so in die Welt gekommen ist, um eben zu fühlen. So ist seine Seins- und Weltwahrnehmung. Die sublimeren mentalen Ebenen sind ihm zumeist fremd, er weiß nicht, wie es ist, „sehend“ durch die Welt zu gehen und kann die Mentalwelten für gemeinhin weder goutieren noch betreten.

Mythos Kopf gegen Herz Gefühl VerstandAus diesem Grund sollte beiden, doch insbesondere dem verstandesbetonten Menschen, in der Spiritualität die Würde gelassen werden. Er ist weder unzulänglich, noch hat er etwas zu entwickeln, sondern er hat das dichtere Feld, den Emotionalkörper, schon überwunden – wiewohl auch er im Sinne des Vedanta noch nicht frei ist. Das Stigmata der Gefühllosigkeit mag auf empathielose Menschen zutreffen, doch es ist ein verstandesbetonter Mensch nicht gleichzeitig und notwendigerweise empathielos. Hier gilt es „Ego“ als narzisstisch und nicht Verstand als empathielos zu begreifen. Wo ein zutiefst emotionaler Mensch u. U. weinend, in Tränen aufgelöst dasteht, weil z. B. ein geliebtes Haustier gerade stirbt, hat ein emphatischer, weiser Verstandesmensch zuvor alles Mögliche getan, um es zu verhindern und er wird alles tun, um das Leiden in der gegenwärtigen Situation zu minimieren. Nicht nur ist er aufgrund des „Mentallichtes“ ohnehin schneller, da vorausschauender, sondern handelt er aus der Erfordernis heraus, wohingegen das Gefühl den Gefühlsmenschen ev. in die Handlungsunfähigkeit zwingt. Natürlich kann auch ein Gefühlsmensch aus der Erfordernis heraus handeln und natürlich schließen sich auch Emotion und wahre Weisheit nicht kategorisch aus. Dieses Beispiel dient wiederum der Differenzierung, nicht jedoch einer Klassifizierung. Wie oben erwähnt, sind Denken und Fühlen seltenst getrennt, hier nur geht es um die Verdeutlichung des Unterschiedes, sowie sich jeder tendenziell eher als Gefühls- oder Verstandesmensch begreifen kann.

Davon wiederum zu unterscheiden ist der wenig entwickelte Gefühls- und Kopfmensch, jener Mensch, der weder Herzensliebe noch Mentallicht in ausreichendem Maß entwickelt hat, sondern in seiner Reise – um im Bilde zu bleiben – noch zu Fuß geht. Ein „gefühlloser“ Mensch ist daher nicht notwendigerweise sofort ein Verstandesmensch. Letzterer ist jener, der um eines schönes Gefühls nicht „nachgibt“, nicht um des Fühlens wegen agiert, sondern zumeist anderen Prinzipien (Einsichten) das Vorrecht gibt. Sind jedoch die Handlungen, die aus diesen Prinzipien entspringen, unethisch, handelt es sich nicht um einen im Mentallicht stehenden Verstandesmenschen, sondern um einen Menschen, der die Herzensliebe noch nicht entwickelt hat und daher noch eine Stufe tiefer steht.

Auflösung von Emotion und Ratio – Gefühl und Verstand

Die aus der westlichen Populäresoterik hervorgehende Ächtung des Verstandes ist m. E. sinnfrei. Die Forderung „Herz über Kopf“ übersieht die emotionale Regulierung zugunsten des Bewusst- und Gewahrseins. In der Meditation z. B. ist es notwendig, hinter die Gedanken zu treten, sich nicht mit ihnen zu identifizieren. „Ich denke, also bin ich.“ stimmte für René Descartes, ist aber im Vedanta unwahr. Geht z. B. der Meditation eine Gefühlswelle voraus, sei es Freude, Ärger, Empörung, Betroffensein, Mitleid usw., sind zuerst die Emotionen „ziehen zu lassen“, denn Gefühlsregungen unterminieren ein Ziehenlassen der Gedanken einmal mehr – der Ruhe des Geistes geht der Ruhe der Emotionen voraus. Auch daran ist die sphärische Ordnung, bzw. das dichtere Feld des Emotionalkörpers erkennbar.
Atman, das wahre Selbst, besteht weder aus Gedanken noch aus Emotionen. Es ist weder pures Herz noch purer Verstand. Es ist Sat Chid Ananda – die unsterbliche Seele, das, was bleibt, wenn alle Identifikationen fort sind: Reines Sein, Bewusstsein und Freude. Atman wiederum wird durch Samadhi erreicht – jenem Bewusstseinszustand, der über Wachen, Träumen und Tiefschlaf hinausgeht und in welchem das diskursive Denken aufhört.

Weiterführende Bücher zum Thema:

Grundlagen der Yoga-Philosophie
Das Chakrahandbuch – vom grundlegenden Verständnis zur praktischen Anwendung
Das Aurapraxisbuch: Den Energiekörper wahrnehmen und heilen
Vedanta: Ozean der Weisheit
Samadhi
Die Astralwelt

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Geboren 1978 – Bloggerin | Beraterin zu spirituellen Themen | Kundalini | Herausgeberin von Neoterisches Bewusstsein – Moderne Spiritualität | Mehr zu mir | Kontakt | FB-Profil Tanja Braid | FB-Seite Neoterisches Bewusstsein | Gruppe Astral SpaceSpenden |

2 thoughts on “Der Mythos Herz gegen Kopf – Gefühl gegen Verstand”

  1. Liebe Tanja, danke für diesen spannenden Artikel!

    Klingt für mich plausibel, was du schreibst.

    Ich war erstaunt zu lesen wie weit man gehen kann zu behaupten, dass man fühlen kann, dass gleich ein Reh, ein anderes Fahrzeug oder ein Stoppschild auftaucht. Da hab ich noch einiges an Übung vor mir.

    Mein Hintergrund ist Buddhismus. Da wird (verkürzt) gesagt, dass jegliche spirituelle Realisation aus der „Ansammlung von Verdienst“ und der „Ansammlung von Weisheit“ hervorgeht. ´Verdienst´ ist jede Handlung, die durch Liebe und Mitgefühl motiviert ist und ´Weisheit´ das Erkennen der Natur der Dinge z.B. das Erkennen von Ursache und Wirkung oder zu Erkennen, dass den Dingen inhärente Existenz fehlt. Vereinfacht gesagt; man braucht Liebe und Verstand. Und der springende Punkt ist, dass sich beides gegenseiting befruchtet. – Laufe ich z.B. über einen Fußweg, dann ist es mein Verstand, der mich erkennen lässt, dass sehr viele Personen an diesem Fußweg gebaut haben müssen und ich einen großen Nutzen aus ihrer Arbeit ziehe. Dieses Verständnis lässt Dankbarkeit in mir entstehen. Meditiere ich über diese Dankbarkeit, dann fühle ich, dass ich in einem Netz der Güte mit anderen verbunden bin und es entsteht der Wunsch, ihre Güte zu erwidern – Liebe. Wandle ich meinen Geist durch Meditation in diese Liebe um, dann ist es dieser Geist der Liebe, der mich die Natur der Dinge erkennen lässt. Ich würde sagen: Aus Verstehen entsteht Liebe und Liebe lässt verstehen.

    Gruß!
    Gyudzhin

    1. Liebe Gyudhin,

      herzlichen Dank für deinen Kommentar. 🙂

      Ich freue mich über deine Sicht der Dinge, über deinen Zugang, dein Werden und Sein …

      Schönes Zitat: Aus Verstehen entsteht Liebe und aus Liebe entsteht Verstehen. 🙂

      Ich wünsche alles Liebe!

      Tanja

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