Was ist Kundalini? – Teil 1

Vor etwa fünf Jahren fragte eine Forumsteilnehmerin in die Runde: „Habt ihr schon mal was von Kundalini gehört?“

Die Antworten:

„Ist das eine Nachspeise?“

„Ist doch was mit Sex oder so. Naja, meine Freundin machte mal so eine Meditation. Mehr weiß ich nicht.“

„Kundalini? Klar. Kenne ich. Ist, wenn dir der heilige Geist beim Arsch einfährt.“

Die letzte Antwort stammte von mir.

***

Was ist Kundalini?

Was ist KundaliniÜber das Wesen und Wirken der sog. Schlangen-Kraft wurde in den letzten Jahren auch im Westen mehr und mehr geschrieben, sodass Menschen mit einer aktiven Kundalini sich weder dem Unverständnis ihrer Mitmenschen noch ihres eigenen Unverständnisses aussetzen müssten. Leider gibt es nach wie vor ein Informationsdefizit, sodass viele, die mitten im Kundalini-Prozess stecken, immer noch als psychotisch eingestuft und mit Psychopharmaka behandelt werden. Die horrenden Fehldiagnosen hierzu reichen, je nach Konsultation, von dämonischer Besessenheit bis hin zur Schizophrenie. Es ist daher nicht nur wichtig, das Thema so darzustellen, dass sich der westliche Mensch in diesem Prozess selber richtig erkennen kann, auf dass er weder einen Exorzismus noch eine medikamentöse Behandlung anstrebt, sondern ebenso wichtig, auf die Gefahren einer zufälligen Erweckung hinzuweisen. Kaum ein Meditations- und/oder Yogalehrer ist befähigt, ein Kundalini-Erwachen als das zu erkennen, was es ist. Insofern der Betroffene noch nie von Kundalini gehört hat, wird ihm der Lehrer das Wort auch nicht in den Mund legen, sodass er – wie so viele andere – völlig alleine dasteht und in die Bahnen westlicher „Therapie“ und Deutung gelenkt wird, was alles nur noch verschlimmert. Aus diesem Grund – da ich hier prophylaktisch tätig sein möchte – starte ich diese Artikelserie, die mir mehr als alles andere am Herzen liegt.

Zum Problem der richtigen Information

Wer sich die Frage beantworten „Was ist Kundalini?“ will, wird je nach konsultiertem Buch/Autor zu unterschiedlichen Antworten kommen. Aber es gibt Information. Ja. Meine akquirierten Bücher zu dem Thema füllen gut einen Laufmeter meines Bücherregals, doch in keinem einzigen davon habe ich eine adäquate und zufriedenstellende Beschreibung dessen gefunden, was diese Kraft wirklich ist, was sie bedeutet, warum sie existiert und welches Potential sie birgt …
Man kann die Literatur hier grob unterteilen in fünf Kategorien. Kategorie 1 beschäftigt sich mit der Erweckung der Kundalini. Hier wird auf mögliche Gefahren und Risiken nur seltenst hingewiesen, bzw. wird die Gefahr oft spirituell relativiert, was sich – nun sehr vereinfacht gesagt – auf folgenden Nenner bringen lässt: Der, der ein reines Herz hat, hat auch keine Aufstiegs-Krisen zu befürchten. Das stimmt so nicht.
Kategorie 2 versammelt all jene, die ich „Kundalini-Fans“ nenne. Sie selbst haben keine aktive Kundalini, stehen jedoch wie Zaungäste vor dem Phänomen und studieren hierzu die indischen Schriften von A bis Z. Das ist inhaltlich mal mehr, mal weniger gut, zumeist jedoch absolut ineffizient, wenn es gilt, Klarheit in das Thema zu bringen. Kundalini wird hier oft als Verlängerung in alles „Mögliche“ gezogen, in Begriffe wie Logos, Eros, kollektiver Bewusstseinssprung, Chaos, Schöpfung … Auch will man z. B. historischen Persönlichkeiten wie Goethe, Einstein usw. eine aktive Kundalini unterstellen, anderfalls wären sie zu ihrem herausragenden Schaffen gar nicht fähig gewesen. Doch das ist ein völlig verquerer Rückschluss, der diese Kundalini auf ein Podest hebt, wo sie nicht hingehört. Ja, es kann mitunter sein, dass eine historische Persönlichkeit eine aktive Kundalini hatte, doch wäre Kundalini stets und immer ursächlich, müsste so gut wie jeder Nobelpreisträger eine aktive Kundalini haben. 
Die 3. Kategorie beschreibt das Phänomen eher wissenschaftlich-psychologisch, was als Aufklärung in Fachkreisen, wie z. B. Kundalini-Klienten richtig zu behandeln wären, sehr sinnvoll ist. Hier hat Dr. Lee Sannella, Psychiater und Augenarzt, Pionierarbeit geleistet. Von allen Büchern, die es zum Thema derzeit gibt, kann ich Dr. Sannellas Buch am meisten empfehlen, da er das Kundalini-Phänomen als einer von wenigen nicht auf einen goldenen Thron sondern runter auf die Erde stellt. (Buchlink untenstehend.)
Die 4. Kategorie beinhaltet die zahllosen Erfahrungsberichte, die man in Buchform geordnet und im Internet querbeet serviert bekommt. Diese Kategorie ist mir am unliebsamsten, weil hier – abgesehen von den Horrorstorys – ein Trugschluss den nächsten bedingt, insofern das Erlebte dann auch noch blindlings ausgedeutet wird, je nach Lebensstimmung/Laune/Dünkel usw. … Hier ist jeder ein König in seinem eigenen Meinungsland, weil er das Meinungsland der anderen Könige gar nicht kennt. In diese Falle tappen übrigens auch Autoren mit mehr oder weniger Renommee, wobei einer sich als „Sachverständiger“ wähnt, weil er Psychotherapeut mit aktiver Kundalini ist und der nächste, weil er schon sooo lange mit aktiver Kundalini unterwegs ist und gottlob die deutsche Grammatik beherrscht.
Doch die Kundalini-Erfahrung alleine ist kein Garant für eine klare Darstellung derselben, ebenso wenig ein Doktorgrad in Psychologie.
Die 5. Kategorie nähert sich lyrisch-mystisch, bisweilen religiös. Hier ist von der „Göttin des Universums“ die Rede, vom kosmischen Tanz, vom Reigen der Sterne … Wer Lyrik wirklich versteht, der verstünde auch Kundalini aus der Poesie heraus, und zwar klarer als irgendwo sonst, doch ist in dieser Kategorie keine Lyrik zu finden, sondern nur die lyrische Schlacke, mit der irgendwelche „Bilder“ hineinfabriziert werden, um dem ganzen einen edleren Touch zu geben … Dabei ist Kundalini nun wirklich nicht edel. Zitat: „Kundalini ist, wenn dir der heilige Geist beim Arsch einfährt.“ Sollte also jemand einen Text lesen, in welchem es permanent und prinzipiell nur um Schöpfung durch und mit Kundalini geht, wobei sich die Bezüge involutiv und evolutiv bis zur Milchstraße hinziehen, wird er sich vermutlich nach der Lektüre nur den Kopf kratzen wollen.

Allen Darstellungen gemein sind meist die sog. Aufstiegs-Krisen und ihre Linderung oder Überwindung. Hier scheitern meiner Meinung nach alle, bis auf Dr. Lee Sannella, der das Leiden vornehmlich durch Aufklärung und Ruhe zu lindern sucht, doch es gibt auch noch andere Gegenmaßnahmen, wie in Artikel 6 beschrieben. Alle anderen zitieren aus dem bekannten Fundus: Man kaut auf dem esoterischen Kaugummi, gräbt die Chakrenlehre und das Spiegelgesetz aus, gibt ein paar Globulis, betreibt Wirbelsäulenbegradigung oder lässt sich die Symptome wegtrommeln … Und danach? Funkstille. Es gibt kein einziges Buch, das sich mit dem Danach beschäftigt. Auf Kundalini-Erweckung folgen die Kundalini-Krisen, darauf folgt die Erleuchtung und darauf folgen die paranormalen Kräfte. Punkt. Offenbar ist man der Meinung, dass der Seinszustand danach ein punktuelles Ziel ist, so klein und so flach wie das Bullauge einer Zielscheibe. Einmal „getroffen“ – und gut.
Natürlich ist es das nicht. So kann und sollte man danach seine Fähigkeiten kultivieren und anwenden, bzw. noch mehr Fähigkeiten entdecken, doch hierzu braucht es Anleitung und Ideen, was man damit Nützliches tun kann, für sich und für andere. Diese Ideen und Übungen werde ich im letzten Teil der Artikelserie schildern.

Der derzeitige Informationsstand ist also nach wie vor unzureichend. So habe ich schon seit langem das Bedürfnis, zu dem Thema einen eigenständigen, angemessenen und vor allem aufgeklärteren Beitrag zu leisten. Nicht nur habe ich selber eine aktive Kundalini, sondern kenne ich die Literatur der 5 dargestellten Kategorien „leider“ sehr genau. Daher also diese Artikelserie.

Kundalini-Begriff und Rezeption 

Der Begriff Kundalini leitet sich vom Sanskrit-Wort „kundal“ ab, was „Windung“ bedeutet. Lt. indischer Mythologie ist Kundalini eine ätherische Kraft, die vom Gott Shiva ausgeht, der oft mit Schlangen dargestellt wird. (Auf dem Bild trägt er eine Schlange um den Hals.)

Erstmals erwähnt wurde die Schlangenkraft in den tantrischen ShivaSchriften, vermutlich 9. Jh. n. Chr. Kundalini wird dort als Schlangenkraft begriffen, die am unteren Ende der Wirbelsäule ruht. Es heißt, diese Kraft ruhe in jedem Menschen und kann durch yogische Praktiken erweckt werden. Einmal erweckt, steigt die Schlangenkraft in der Wirbelsäule hoch und durchstößt sämtliche Chakren, wobei die Chakren gleichzeitig gereinigt werden. Erreicht Kundalini das Kronenchakra, ist der Mensch erleuchtet und mit zahlreichen paranormalen Fähigkeiten gesegnet.
Das ist die allgemein verbreitete Vorstellung des Ostens von der Schlangenkraft. Es werden zwar immer wieder Versuche unternommen, Kundalini bei den Mythen der Kelten und Germanen ausfindig zu machen, wobei alle Schlangen- u. Drachengötter herhalten müssen, sowie sogar versucht wird, Kundalini als System in den kabbalistischen Lebensbaum zu projizieren, doch ist es nun einmal so, dass diese spezielle Kraft in Indien im 9. Jh. n. Chr. erstmals in den tantrischen Schriften beschrieben wurde. Nicht bei den Sumerern, den Kelten, den Germanen und den Römern.
So haben wir also in der heutigen Rezeption die östliche Dominanz, „Kundalini“ und „Schlangenkraft“ als Termini, sowie die tradierten Bilder – und damit schon das erste Missverständnis.
Kundalini ruht nämlich nicht im Menschen. Sie ruht in keinem Menschen. Sie ist außen vor wie Reiki, Prana, Od ect. Wie die „Lebenskraft“ umgibt auch Kundalini Pflanzen, Tiere und Menschen. Sie ist kein Stück Holz im menschlichen Körper, das nur angezündet werden muss, um von da an immer zu brennen. Jedes Auto muss von außen betankt werden. Der Mensch ebenso. Das von den Indern überlieferte Bild ist also schon im Ansatz falsch, da Kundalini kein Perpetuum Mobile ist, das jeder Mensch besitzt. Kundalini kommt von außen. Anmerkung: Diese These ist kein bewiesenes Faktum, sowie es auch kein bewiesenes Faktum ist, dass sie im Inneren des Menschen ruht, jedoch hat sich diese These über die Jahre für mich als stimmig erwiesen. (Näheres dazu im Nachtrag, untenstehend.)

Bei ihrem ersten „Angriff“ geift Kundalini also nach dem sog. Pferdeschwanz, der Cauda Equina. (Siehe Bild.) 

Kundalini

Bildlizenz: Medical Illustrations, Cauda Equina, si1925.

Das ist ein Nervenbündel, das anatomisch Ähnlichkeit zu einem Pferdeschwanz hat und direkt unter der Wirbelsäule lokalisiert ist. Beim ersten Andocken fühlt es sich also an, als wäre direkt unter dem Steiß ein Ei, aus dem – meinetwegen – irgendwann eine Schlange schlüpft, die die Wirbelsäule emporkriecht. Daher ist der Begriff „Schlangenkraft“ viel mehr als Bildnis zu verstehen, denn mythologisch zu interpretieren, was ebenso viele Autoren glauben, tun zu müssen. Ob nun die Midgard-Schlange oder die Mehen-Schlange zitiert wird, der Leviathan oder Fafnir, es scheint, als wolle man Kundalini krampfhaft anders als nur indisch verorten. Natürlich ist es völlig klar, dass Kundalini ein globales Phänomen ist und nicht nur auf Indien beschränkt.
Doch hätte ein Pikte (1. Jh. n. Chr. und früher) ein Kundalini-Erlebnis gehabt, so hätte er vermutlich keine neolithische Triskele in den Stein geritzt, sondern vielleicht einen glühenden Speer, und schon ist für die gesamte Nachwelt das Erlebnis verloren, da der Speer nur im Hinblick auf Jagd, auf Fleisch- und Wildbeschaffung begriffen wird. Soviel also zum Interpretations-Spiel.
Kundalini benutzt also, wie ich im Artikel „Was ist Erleuchtung – Teil 2, Wege zur Erleuchtung“ schon erwähnt habe, vor allem die Nervenbahnen und nicht nur die Meridiane, darüber hinaus wirft sie das gesamte Hormonfeld um. Sie ist also, obwohl von außen kommend, völlig anders zu bewerten als Reiki, Prana, Od, Élan vital … – Ein weiteres Missverständnis, das ich im Laufe dieser Artikelserie näher beleuchten werde.
Weiters werde ich natürlich darauf eingehen, wie Kundalini erweckt wird, welche Gefahren sie birgt, wie man die Krisen lindern kann, welche Zeichen ein Kundalini-Erwachen ankündigen, wie man sich einordnen kann, ob ein Bauchkrampf jetzt Kundalini im Sakralchakra oder doch nur den nächsten Gang zur Toilette ankündigt, warum Kundalini so einen direkten, unmittelbaren Einfluss auf den Körper hat, welche Fähigkeiten zu erlangen sind bis hin zur Erleuchtungserfahrung und dem Danach.

Nachtrag 

Ergänzenderweise muss angemerkt werden, dass Itzhak Bentov, 1923 bis 1979, das Kundalini-Phänomen erforschte und seine Forschung darauf hinwies, dass Kundalini in einem ausgeglichen, harmonischen Zustand innerer Oszillation zu erwachen beginnt, daher nicht von außen induziert, sondern über das Gehirn zur Erweckung gebracht wird. Wen diese Forschung interessiert, kann Näheres im Buch „Auf der Spur des wilden Pendels“ nachlesen – Buchlink untenstehend.
Doch meine eigene Erfahrung, sowie die Ergebnisse der Befragung all jener, die ich interviewt habe, steht diesem Ansatz entgegen, sowie die Überlegung, wo Kundalini war, bevor es Menschen gab. Nach tantrischer Auffassung war sie schon vor dem Universum da. Geht man davon aus, dass die Kraft im Menschen ruht, muss man sich jedoch fragen, ob sie sich dann evolutionär mit der „Menschwerdung“ mitentwickelt hat, sozusagen als Potential immer da war, jedoch erst im „Homo Sapiens“ zur vollen Reife kam. Ich glaube das nicht. Ich bin der Meinung, Kundalini war schon da, bevor es das erste Atom im Universum gab. Ebenso spricht das sogenannte Shaktipat dagegen, wie im nächsten Artikel 2 „Fremderweckung“ dargestellt ist. Dabei wird von einem Guru Energie auf einen Schüler übertragen, somit die Schlangenkraft erweckt. Diese Energieübertragung  – die ja wiederum von außen kommt – spricht meiner Meinung ebenfalls für die These, dass Kundalini von außen kommt.
Itzhak Bentovs Forschung kann nicht gänzlich widerlegt werden, doch auch nicht gänzlich verifziert werden, sowie auch meine These, dass sie von außen kommt, trotz vieler Dinge, die dafür sprechen, nicht gänzlich widerlegt und/oder belegt werden kann.

Ich beschreibe im nächsten Teil, wie und wodurch die Kraft bewusst erweckt wird, sowie ich im darauffolgenden Teil beschreibe, wie sie zufällig erweckt wird. Wer thematisch weiter „springen“ will, kann auch mit „Teil 4, Aufstieg Symptome und Krisen“ oder mit „Teil 6, Kundalini-Krisen überwinden“ weiterlesen. (Es öffnet sich immer ein neuer Tag, sodass bequem zischen den Seiten gewechselt werden kann.)

Im Artikel „Erzengel entmystifizert“ beschreibe ich kurz mein eigenes Kundalini-Erwachen, sowie viel genauer in „Mein Kundalini Prozess“.
Sämtliche Artikel aus der Kategorie „Energetische Erfahrung“ haben direkt oder indirekt immer mit Kundalini zu tun. Insbesondere der Artikel: „Inneres Hören, Jim Morrison“.

Bücher:

Itzhak Bentov „Auf der Spur des wilden Pendels“ – Buch kann hier bestellt werden.
Dr. Lee Sannella.
Kundalini-Erfahrung und die neuen Wissenschaften“ – Buch kann hier bestellt werden.

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