Alternative Realitäten im Traum

Alternative Realitäten im TraumUnbewusste Träumer beschreiben ihre Träume zumeist als wirr, abstrakt, irrational usw. Vielleicht messen sie ihren Träumen (noch) wenig Bedeutung zu, stufen sie als „Gehirngewitter“ ein oder meinen, dass lediglich Tageserlebnisse verarbeitet werden.
Wieder andere nähern sich ihren Träumen psychologisch und/oder symbolisch. Hierbei sollen Traumsymbole das aktuelle Leben beschreiben, bzw. soll das aktuelle Leben über die Ausdeutung der Symbole „klarer“ werden. Insofern Symbole statisch sind und nicht im individuellen Kontext interpretiert werden, kann eine Ausdeutung mittels eines Traumsymbole-Lexikons präzise oder unpräzise sein, kann gelingen oder misslingen. In jedem Fall jedoch wird der Traum in nur eine Richtung gedeutet, nämlich hinsichtlich des Lebens in der Alltagsrealität.

Fünf Zeichen eines bewusster werdenden Träumers

Fortgeschrittene, etwas bewusstere Träumer erleben ihre Träume ähnlich wie ungeübte/unbewusste Träumer, doch zeigen sich in ihren Träumen schon Anzeichen, die mit der klassischen psychologischen und symbolischen Deutung schwer bis gar nicht mehr zu vereinen sind.

1. Fortsetzungstraum

Der Träumer erlebt über mehrere Nächte hinweg, dass er abends beim Einschlafen genau da weiter träumt, wo er am Morgen beim Aufwachen aufgehört hat. Das heißt, die Traumhandlung, so abstrakt und fremdartig sie auch sein mag, setzt sich genau da fort, wo sie unterbrochen worden ist. Dies kann in aufeinanderfolgenden Nächten geschehen oder auch zeitversetzt. Z. B. findet der Fortsetzungstraum erst eine Woche oder gar Monate später statt.

2. Traum- Déjà-vu

Ein Déjà-vu im Traum ist eine Erinnerung im Traum an einen anderen Traum. Der Träumer findet sich in einer wie auch immer gearteten Szene wieder und meint, genau hier schon mal gewesen zu sein, genau dies schon einmal erlebt zu haben. Der Eindruck, dies hier zu „kennen“, auch wenn man – lt. Traumgedächtnis – zum ersten Mal hier wäre, ist intensiv.

3. Traum-Synchronizität

Etwas geschieht in der Realität, z. B. fährt nachts ein Zug vorüber oder ein Auto, vielleicht läutet die Kirchturmglocke, der Wind fährt durch die Bäume … All diese Eindrücke ergeben im Traum absoluten Sinn zum aktuellen Traumgeschehen. Es handelt sich hierbei nicht um eine Traumübersetzung, die sich im Traum symbolisch zeigt. Z. B. muss der Körper die Blase entleeren und dies zeigt sich im Traum durch fließendes Wasser oder durch Traumpersonen, die den Weg zur Toilette weisen, die dann womöglich immer wieder woanders ist …
Traum-Synchronizität ist ein „kleines Wunder“ dahingehend, dass zwei Erfahrungsebenen, nämlich die äußere Realität und das innere Traumerleben sich auf eine Weise überlappen, die absoluten Sinn ergibt. Das Traumselbst erweitert sich in die (nächtliche) Alltagsrealität hinein, was u. U. eine magische Komponente aufweisen kann.

4. Sprechen mit anderen Menschen

Wer wiederholt Träume hat, aus denen er aufwacht und sich wundert, weil er z. B. gerade in einer Stadt gewesen ist, in welcher er am helllichten Tag mit vielen anderen Menschen gesprochen hat, wird vermutlich in einem Traumsymbole-Lexikon nicht mehr fündig werden, noch das aktuelle Leben daraufhin symbolisch deuten können. Zurück bleibt i. d. R. ein Gefühl der Selbstverständlichkeit. Selbstverständlich spricht man (doch!) mit vielen anderen Leuten im Traum, die man in der Stadt trifft! Denkt denn irgendjemand etwas anderes?
Träume dieser Art können auch zu Fortsetzungsträumen werden.
Es handelt sich hierbei nicht um abstrakte, instabile Träume. Die Traumumgebung bleibt weitestgehend stabil, es könnte vielleicht wirklich eine Stadt auf dieser Erde sein, und dort trifft man Fremde oder Vertraute und unterhält sich – ganz selbstverständlich – mit ihnen. Auch das Traum-Ich bleibt weitestgehend stabil. Das Traum-Ich agiert und empfindest sich überwiegend als ident mit dem Alltags-Ich, es erlebt sich z. B. nicht als Tier und nicht als Ding.
(Insofern die Traumumgebung sowie das Traum-Ich gleich bleiben, kann in diesem Fall auch eine Astralreise stattfinden, die trübträumend erlebt und nach dem Aufwachen als Traum erinnert wird.)

5. Wiederholte Fortsetzungsträume in der Vergangenheit

Ein etwas diffizileres Phänomen, das jedoch viele Menschen kennen, sind Fortsetzungsträume, die die eigene Vergangenheit berühren, diese jedoch „umschreiben“. Die bekannte und persönliche Biographie wird umgeschrieben. Plötzlich hat man (im Traum) einen anderen Partner, lebt woanders oder hat ein anderes Kind. Diese andere (neue) Lebensgeschichte in der Vergangenheit wird ebenfalls in weiteren Träumen fortgeschrieben, d. h. in weiteren Fortsetzungsträumen weiter erlebt.
Bekannt sind in dem Zusammenhang auch Prüfungsträume. Vielleicht hat man eine gewisse Prüfung, die man in diesem Leben geschafft hat, im Traum nicht geschafft. Dies kann eine große Abschluss-Prüfung sein, die das Leben maßgeblich beeinflusst, wie etwa eine Lehrabschlussprüfung, die Mittlere Reife oder ein Studienabschluss.
In diesem Traum jedoch schafft man diese wichtige Prüfung z. B. nicht, was völlig andere Konsequenzen für das weitere Leben mit sich bringt. Im Traum fühlt man es deutlich: Der existentielle Schock, die Angst vor der Zukunft, das „Oh-mein-Gott“ … Die Gefühle zum Traumerleben kennen keine andere Wirklichkeit. Umso größer ist die Erleichterung, wenn man beim Aufwachen erkennt, dass es doch „nur“ ein Traum gewesen ist.
Dieses Szenario kann übrigens auch anders geträumt werden. Eine Prüfung, die man ev. im Leben nicht geschafft hat, schafft man in diesem Traum plötzlich, was wundervolle, freudige Gefühle mit sich bringt und das weitere Leben im Traum, sowie in Fortsetzungsträumen, ebenfalls maßgeblich verändert.

Fortgeschrittene Träumer, wie hier beschrieben, haben oder brauchen i. d. R. keine Luzidität, um diese Traumerfahrungen zu machen. Vielleicht haben sie aber schon eine verstärkte/verbesserte Erinnerungsfähigkeit. Aus obigen fünf Punkten geht heraus, dass es komplexere Traumerfahrungen gibt, die die Traumsymbolik i. d. R. nicht mehr umfasst.

(Anm.: Ausgeklammert in dieser Betrachtung sind Reinkarnationsträume, Zukunftsträume, visionäre Träume, Klarträume oder Träume, in welchen sich Verstorbene zeigen. Auch Flug-Träume sind ausgeklammert, Albträume und Träume, in welcher der Träumer besondere Fähigkeiten hat, wie z. B. das fließende Sprechen einer Fremdsprache, die er nie gelernt hat. Das falsche Erwachen als Phänomen ist hier ebenfalls ausgeklammert. Zu all diesen Traumarten/Phänomenen gäbe es viel zu berichten, doch das würde den Rahmen des Artikels sprengen.)

Mehrere Traumebenen

Nun können Träume mehrere Ebenen gleichzeitig haben, die hier jedoch nicht psychologisch determiniert sind. Auf der obersten Ebene verarbeitet man die bekannte (Tages-)Realität. Auf der Ebene darunter „reist“ man vielleicht oder besucht alternative Realitäten. Eine weitere Ebene darunter wird man unterrichtet oder man unterrichtet selbst.
Diese Ebenen überlappen sich gleichzeitig, weswegen Menschen ihre Träume als diffus, unlogisch oder als so schräg bezeichnen, dass eine nähere Untersuchung des Traumgeschehens schiere Zeitverschwendung wäre.

Man kann das Ebenen-Modell beispielhaft so darstellen, dass jemand in einem Kino sitzt, in dem nicht nur vorne eine Leinwand ist, sondern auch links und rechts. In diesem Kino laufen drei verschiedene Filme gleichzeitig. Sind die Filme zuende, wird auch ein klarer, vernünftiger Mensch danach nicht sagen können, was er wirklich gesehen und/oder von der jeweiligen Handlung behalten hat. Behalten hat er letztlich nur das, worauf er sich gerade konzentriert hat. Das mag in einem Film eine Actionszene gewesen sein, im nächsten eine Horror-Szene und im anderen ein witziger Dialog. Doch worum es in all diesen drei Filmen jeweils wirklich gegangen ist, von Anfang bis Ende, was die Prämisse jedes Filmes ist, weiß er vermutlich nicht (mehr), wenngleich durchaus noch Gefühlseindrücke bestehen können. Hat er sich z. B. nur auf einen Film konzentriert, wird er zumindest sagen können: Da war aber noch was anderes! Häufig bleibt der Gefühlseindruck, dass da mehr als nur „ein Film“ war, zurück, oder eben das Übliche: Nichts ergab Sinn, da war was, dann war man dort, dann woanders, dort aß man eine Banane und dann konnte man plötzlich Fliegen usw. …
(Anm.: Der Einfachheit halber sind hier drei Ebenen genannt, es können auch mehr sein.)

Alternative Realitäten

Das Modell der Alternativen Realitäten ist eine komplexe Zwischenebene des Gesamtselbstes, bzw. des Supraselbstes und wird/wurde begrifflich insbesondere vom Bewusstseinsforscher Jonathan Dilas verwendet/geprägt. Bildet das Ego das Alltags-Ich, gibt es daneben eine Unzahl an Ich-Modifikationen in alternativen Realitäten, die wiederum von gleichzeitig stattfindenden Inkarnationen zu differenzieren sind. Es gäbe zur Ganzheit des Selbstes viel zu sagen, für diesen Artikel reicht es, vorgestellte Bezüge zum Traumerleben nicht tiefenpsychologisch und nicht esoterisch, im Sinne eines „Höheren Selbstes“ zu verstehen.

Wie entstehen Alternative Realitäten?

Alternative Realitäten sind kein flüchtig Gedachtes und kein Konzept, sondern sie entstehen (tatsächlich) durch Realitätsgabelungen. Wer hier Verständnisschwierigkeiten hat oder nicht mehr mitgehen mag, weil ich hier einfach etwas zu behaupten scheine, kann vielleicht dennoch unvoreingenommen weiterlesen. Mehr, als dass er zu seinem bestehenden Denkschema ein weiteres dazu bekommt, kann nicht passieren.
Vermutlich haben sich viele schon einmal gefragt, was geschehen wäre, wenn man diese oder jene Entscheidung im Leben anders getroffen hätte. An eben diesen „Scheidewegen“ entstehen alternative Realitäten. All diese alternativen Realitäten kennen das Alltags-Ich via Namen. Z. B.: Ich, als Tanja, existiere gleichzeitig in vielen anderen alternativen Realitäten, die aufgrund Realitätsgabelungen durch diverse Handlungen/Entscheidungen entstanden sind. Dies können zwei, dreißig, vierzig, hundert oder mehr Variationen meines aktuellen Lebens sein.

Eben diese Alternativen Realitäten sind u. a. im Traum zugänglich, ferner in erweiterten Bewusstseinszuständen. Auf diese Weise erklären sich u. a. gewöhnliche Fortsetzungsträume und Fortsetzungsträume in der Vergangenheit. Auch die von vielen Menschen als bekannt erlebten „Prüfungsträume“ sind somit „wahr“, denn sie zeigen dem Träumer lediglich eine alternative Realität seiner selbst, ein Leben, in welchem es nicht so gut oder sogar besser für ihn gelaufen ist. Aus diesem Grund hat man im Traum plötzlich einen anderen Partner, keine Kinder oder einen Hund, den man so nicht kennt. Oder man ist anstatt Mechaniker, der Autos repariert, Rennfahrer geworden, vielleicht lebt man woanders oder hat andere Arbeitskollegen oder wundert sich über Freunde, die man (im aktuellen Leben) nicht hat etc. …

Ist das Leben ein Traum? Ein Vektor mit zwei Richtungen!

Gesteht man allen anderen Selbsten in allen alternativen Realitäten eine Persönlichkeit zu, kann davon ausgegangen werden, dass diese Selbste das aktuelle (bekannte) Leben ebenso als alternative Realität begreifen. Das heißt – um es zu vereinfachen – wenn jemand nachts schlafen geht, schaut er anderen Selbsten von ihm in alternativen Realitäten bei ihrem Leben zu, bzw. fühlt, was sie fühlen, denkt, was sie denken, erlebt, was sie erleben. Wacht er am Morgen auf, legen sich andere Selbste gerade schlafen und gucken ihm – oder anderen Selbsten – wiederum beim Leben zu. Dies kann u. a. dafür ursächlich sein, dass Menschen beim morgendlichen Aufwachen erst einmal nicht wissen wie sie heißen, wo sie sind und wer sie sind. Es dauert ein paar Sekunden, bis es plötzlich klar wird: Aja, das ist mein Zimmer und ich bin „ich“ und heiße Soundso.
Dieses Zugucken, bzw. Hinüberfließen zu anderen Selbsten, ist eine bestimmte Traumebene, nämlich die der Alternativen Realitäten. Diese kann sich sporadisch oder phasenweise im Leben zeigen/offenbaren, wenngleich es, wie oben dargestellt, noch andere Traumebenen gibt. Es ist also nicht jeder Traum, den man erinnert, gleichzusetzen mit einem Besuch in einer Alternativen Realität. Fortsetzungsträume jedoch, insbesondere wenn sie die Vergangenheit thematisieren, sind i. d. R. Alternative Realitäten.

Alternative Realitäten und das Zeitparadoxon

Das Zeitparadoxon geht davon aus, dass ein Mensch, der mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit reist und dort etwas verändert, möglicherweise die ganze Zukunftsrealität verändert. Würde dieser Mensch z. B. seine eigenen Eltern daran hindern, sich kennenzulernen, würde er vermutlich nie geboren werden. Das Paradox darin ist: Wenn er nicht geboren wird, existiert er nicht. Wie also kann er dann jemals in der Zukunft mit einer Zeitmaschine zurückreisen?
Die Antwort: Es entsteht eine Realitätsgabelung und damit eine alternative Realität. Dieser Mensch hat die Entscheidung getroffen, mit einer Zeitmaschine zurückzureisen und seine Eltern daran zu hindern, sich kennenzulernen. Es entsteht also eine Realität, in welcher er nie geboren wird, es ihn nie geben wird. Und gleichzeitig gibt es die Realität jenes Menschen, der mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit gereist ist und mit welcher er vielleicht wieder zurück in die Zukunft reisen wird.

Bewusstheit und Erwachen

Wird der Träumer bewusster und reifer, wobei ich hierbei noch nicht von Luzidität spreche, kommt er möglicherweise dahin, sich selbst als Teil eines Ganzen zu begreifen. Vielleicht möchte er, dass alle anderen Selbste, seien es nun Ich-Modifikation in Alternativen Realitäten oder gar Inkarnationen, erkennen, dass sie ebenfalls Teil eines Ganzen sind.
Oder anders herum: Wenn alle anderen Ich-Modifikationen und Inkarnationen bewusst(er) werden, wollen sie möglicherweise tiefer in Kontakt zum Alltags-Ich kommen.
Sie wissen dann, dass sie nur ein Blatt an einem Baum der Überseele (des Gesamtselbstes) sind oder haben zumindest eine Idee davon. Wer z. B. jenes Phänomen kennt, in welchem er aus einem Traum plötzlich, ohne bestimmte Ursache, aufwacht, kann davon ausgehen, dass eine überbewusste Kraft/Intelligenz den Träumer eben jetzt erwachen lässt, damit er eben diese Traumszene erinnern darf. Es geht um eine bestimmte Sequenz, um einen bestimmen Trauminhalt, der in der Regel bedeutungsvoll ist. Das plötzliche Aufwachen geschieht tief aus dem Inneren heraus, nicht durch eine äußere Störung, wie z. B. durch Lärm. Dieses plötzliche Aufwachen mitten im Geschehen kann sich anfühlen, als tauche man gerade aus einem tiefen Wasser auf, wobei es eine äußere Kraft gibt, die einen nach oben zieht …
Möglicherweise wollen andere Selbste (aus alternativen Realitäten) damit eine Botschaft übermitteln. Sie wissen, dass man existiert. Sie wissen, dass man bewusst und individuell ist. Sie wissen, dass man kein Traum ist und man selbst weiß, dass die anderen kein Traum sind. Das Traumgeschehen ist nur eine Verbindungslinie, der eine Pool, in dem sich „momentan“ alle befinden, doch diese Verbindungslinie besteht z. B. auch im erweiterten Bewusstseinszustand. All das sind Teile der Ganzheit des Selbstes, die langsam aufwachen und zueinanderfinden. Dies ist, wie vorangestellt, keineswegs tiefenpsychologisch, sondern buchstäblich zu verstehen.

Luzidität im Alltag, Dissoziation und Meditation

Luzidität im Alltag ist ein äußerst erstrebenswerter, jedoch schwer zu erreichender Zustand. Erfahrene Klarträumer beginnen nach einigen Monaten/Jahren intensiven Klarträumens die gewohnte Realität mehr und mehr als „brüchig“, bzw. als Traum zu erkennen.
Sollte (auf anderen Wegen) ein buchstäbliches Erwachen im Alltag geschehen, kann dies ein großer Schock sein. Zu erfahren, dass das ganze, bisher gelebte Leben, jedes Glück und jedes Leid, lediglich ein Traum ist, kann furchteinflößend sein und maximale Sinnlosigkeit erzeugen. Diese Erfahrung kann auch erfahrene Bewusstseinsforscher in die Knie zwingen.

Es ist die Dissoziation (noch) ein Störungsbild, bzw. von der Psychologie als pathologisch begriffen. Sollte sich ein Mensch z. B. im Spiegel nicht mehr erkennen, mag er vollkommen dissoziiert und verängstigt sein. Um eben die Dekonstruktion der Realität wieder „weg zu bekommen“, geht er möglicherweise zu einem Psychotherapeuten, wenn nicht gar in die Psychiatrie.
„Hilfe, ich erkenne mich nicht mehr Spiegel“, mag er denken und sagen. Vielleicht wird er beruhigt, vielleicht bekommt er Medikamente. Vielleicht wird ihm seine „Störung“ minutiös, emphatisch und plausibelst erklärt. Und vielleicht ist er glücklich, dass er endlich eine Erklärung hat und dass sein „normales“ Leben mittels Medikation wieder weitergehen darf.

Doch eben dies, der vollends dissoziierte Zustand, ist m. E. der große Bruder intensiver Meditation, in welcher (zunächst) die Gedankenstille angestrebt wird. Gedankenstille ist ein nicht-assoziativer Zustand. Wer nicht denkt, schafft auch keine Assoziationen (mehr). Dissoziation ist die Steigerung hierzu.
Die vollkommene Gedankenstille ermöglicht es erst, andere Kommunikationskanäle zu öffnen. Der vollends dissoziierte Zustand ist die Öffnung an sich, in welcher niemand mehr „ruhig sitzen“ muss und die Nicht-Assoziation (Gedankenstille) praktiziert. Erst über die Dissoziation können Realitätsüberlappungen erfahren werden, andere Zustände erreicht werden und Bewusstseinserweiterungen stattfinden.
Wer also vor dem Spiegel steht und sich nicht mehr erkennt, kann auch jubeln: „Wunderbar! Ich glaube, ich habe die Luzidität im Alltag erreicht. Mal gucken, was meine anderen Selbste gerade so tun und ob ich den Traum – nämlich dieses Leben – jetzt und in Zukunft ganz nach meinen Wünschen verändern kann.“ Erst in diesem Zustand ist Magie im Verständnis von Franz Bardon, Eliphas Levi, Appolonius von Tyana etc. als Magie zu verstehen und zu erkennen.
Doch jubeln kann er nur, wenn er einen anderen Deutungsrahmen als jenen einer „psychischen Störung“ kennt und er weiters mutig genug ist, sich selbst mehr zu vertrauen als dem aktuellen (psychologischen) Zeitgeist.

Nachtrag:

Es ist dies, Luzidität im Alltag, u. a. im Vedanta als „Vierter Bewusstseinszustand“ bekannt, nämlich als Turiya. Turiya beschreibt in der hinduistischen Philosophie das Erleben reinen Bewusstseins. Dieses bildet den Hintergrund für die drei gewöhnlichen Bewusstseinszustände: Wachen, Träumen und traumloser Schlaf. Turiya transzendiert alle drei Bewusstseinszustände.

Die Dissoziation als „die“ bewusstseinserweiternde Technik schlechthin hat z. B. Jonathan Dilas entwickelt, sowie hier vorgestellte Bezüge u. a. von ihm beeinflusst sind. Dies nicht zur Gänze, aber in Teilen. Mehr zu Alternativen Realitäten und der Dissoziation findet sich u. a. auf seinem Blog und in seinen Büchern.

Verwandte Artikel:

Realität ist eine Illusion
Die Ganzheit des Selbstes: Modelle und Bezüge, C. G. Jung und Vedanta -Teil 1
Wiedererlangung zur Ganzheit des Selbstes – Teil 2

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4 Gedanken zu „Alternative Realitäten im Traum“

  1. Um der Menschheit wahren Fortschritt zu gewährleisten sollte sich die Theoretische Physik der Bewusstseinsforschung zuwenden mit der Begründung das die Quantenverschränkung die der moderne Verstand als spukhafte Fernwirkung bezeichnet und für die er eine kosmologische Konstante aus Stein meißeln muss um ein zwanghaft statisches Universum aufrecht zu erhalten Liebe ist 😂

  2. Ein sehr interessanter Artikel, der auf elegante (und schönerweise wenig färbende) Art und Weise viele Themen miteinander vereint.
    Ich finde, ehrlich gesagt, den Begriff der Dissoziation in diesem Zusammenhang eher unpassend. Ein „Auseinanderfallen von psychischen Funktionen“ (Wikipedia) ist für mich ebenso wenig erstrebenswert wie die Abspaltung psychischer Anteile von meinem Selbstempfinden, schon gar nicht im Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen. Sicher, ich blicke da als Therapeut mit einer speziell gefärbten Brille auf das Thema. Ich weiß aber genau, was du sagen willst – ich fände es in dem Kontext einfach spannend, einen anderen, weniger negativ gefärbten Begriff zu finden. Im Grunde geht es doch um die Aufhebung der Identifikation mit den Dingen, um den Zustand des Soseins, des reinen Gewahrseins, wenn ich dich richtig verstanden habe. Ich habe definitv Interesse, darüber noch detaillierter in den Austausch miteinander zu gehen.

    1. Hallo Jens,

      herzlichen Dank für deinen Kommentar. 🙂

      Dissoziation ist bei Wikipedia unterschiedlich determiniert. Versteht man unter Dissoziation jedoch temporären oder dauerhaften Ich-Verlust, bzw. Verlust der aktuellen Ich-Identität, wird es klarer. Es sprechen Psychonauten auch von „Ego-Tod“ bzw. „Ego-Dissolution“ (Ego-Auflösung.)

      Nun ist „Ego-Tod“ für mich auch kein schöner Begriff, Ego-Auflösung mag als Begriff gerade noch angehen, aber Dissoziaton trifft es im Wortsinn am besten, weil es den nicht-assoziativen Zustand beschreibt. Alle Assoziationen (Bezüge) zum ICH sind weg, es kann sogar der eigene Name entschwunden sein … Wenn man keine Erinnerung an gestern hat, mag es nicht tragisch sein. Doch wenn alle Erinnerungen zur gesamten Lebensbiographie (plötzlich) weg sind, von der Kindheit bis jetzt, ist das Ich in seiner Bedeutungslosigkeit definiert. Was auch immer ein Computer ist/kann, mit einem Klick kann die Festplatte gelöscht sein … So schnell geht das. Der Computer ist aber noch da, nur das aufgespielte Programm ist weg.

      Es hat der Psychologe Timothy Leary gesagt: „Es sind alle direkt oder potentiell von Psychose betroffen, die LSD NICHT nehmen.“ Die Betonung liegt auf „nicht“.

      Ich persönlich gehe davon aus, dass viele (aber nicht alle) Menschen, die unter dissoziativen „Störungen“ leiden im Grunde nicht krank sondern äußerst begabt sind. Wem aber ein temporärer Ich-Verlust einfach so passiert, sagen wir beim „Autofahren“, der bekommt natürlich Angst: Huch! Was war denn das? Natürlich möchte er das „weg haben“, verlangt doch die Gesellschaft und das Leben nichts weniger, denn wie soll er denn sonst ein braver Leistungssoldat bleiben? Also geht er zum Arzt, vielleicht zum Therapeuten, vielleicht zum Psychiater, und diese packen der Reihe nach den Werkzeugkoffer und vielleicht auch Medikamente aus …

      Mehr dazu in „Die Ganzheit des Selbstes“ Teil 1 und Teil 2.

      Lieber Gruß!

      Tanja

      1. Liebe Tanja,

        vielen Dank für deine ausführliche Antwort.
        Also kann ich mir deine Verwendung des Wortes eher als eine Ent-Assoziation, ein „Aus-der-Vereinigung-Genommenwerden“ vorstellen. Das ist schon eher machbar. Sicher, auch im therapeutisch-intrapsychischen Sinne ist die Dissoziation ein Ausdruck von (notwendiger) Kreativität der Seele, die die nicht (mehr) vereinbaren Anteile abspaltet, um ein (über)lebensnotwendiges Gefühl von Kohärenz aufrechterhalten zu können.

        Ich kann mich in dem Kontext trotzdem nicht wirklich mit dem Begriff anfreunden. Das mag sicher damit zu tun haben, dass in meinem Berufsalltag ein dissoziativer Zustand für die Klienten alles andere als angenehm oder „zauberhaft“ erlebt wird. Einem Patienten, der gerade massiv am Abdriften ist würde ich ebensowenig gratulieren wollen, wie jemandem, der sich in einem (bad-trip-ähnlichen) akuten Psychosezustand befindet. Außer vielleicht als paradoxe Intervention. Aber auch hier will das gut überlegt sein. Und nein, ich bin absolut kein blinder Befürworter von Medikamenten oder Werkzeugkoffern.
        Ich lese mir einfach erstmal als nächstes deine nächsten Artikel durch. Für eine solch spannende Konversation ist dieses Kommentarfeld definitiv eher ungeeignet. Danke für die Inspiration und für deine Offenheit!

        Lichten Gruß
        Jens

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