Wiedererlangung zur Ganzheit des Selbstes – Teil 2

Wiedererlangung zur Ganzheit des SelbstesWie im vorangestellten Artikel Die Ganzheit des Selbstes: Modelle, Bezüge, C. G. Jung, Vedanta und Kritik vorgestellt, gibt es mehrere Begriffe und Modelle zum Selbst, die u. a. aus Esoterik, Psychologie und Yoga-Philosophie stammen.
Scharf abgrenzen möchte ich mich zur psychologischen Darstellung C. G. Jungs. Dies u. a. deshalb, weil er die Advaita-Vedanta-Philosophie, die Beziehung von Atman und Jiva, auf das Unbewusste im Alltag hin reduziert.

Mikro- und Makro-Kosmos der menschlichen Psyche

Was hier wichtig ist, zu verstehen, ist, dass umgekehrterweise sich die Advaita-Vedantis nicht bei Jung bedienen, um ihre eigene Anschauung zu bestätigen. Dies ist auch nicht möglich, weil C. G. Jung Teile aus einem System genommen hat, um den Mikrokosmos der menschlichen Psyche hinsichtlich der erfahrbaren (eindimensionalen) Realität über das Unbewusste, über Traumdeutung und Imagination, zu thematisieren. Advaita-Vedanta stellt hierzu jedoch einen Makrokosmos dar und erkennt mehrere Realitäten durch andere (erfahrbare) Seinszustände an.
Im Advaita-Vedanta, im Non-Dualismus sowie in den meisten Yoga-Philosophien, bedeutet Selbst-Verwirklichung nicht Selbsterkenntnis in der erfahrbaren Realität mit Hilfe durch Traumdeutung und Imagination, sondern durch (Rück-)Verbindung mit dem Höchsten. Dieses Höchste ist im „Weltkreis“ Atman und im „kosmischen Kreis“ Brahman. Jiva (das Ich) verwirklicht sich in Atman (dem Selbst), sowie sich Ishvara (das Welt-Ich) in Brahman (der Weltseele) verwirklicht.
Es ist die Advaita-Vedanta-Philosophie nach Shankara ein großartiges System, das sämtliche Erfahrungen, die jemand auf der Suche nach seinem (wahren) Selbst macht oder machen wird, in einer Weise zu rahmen, zu stützen und zu deuten weiß, die m. E. alles bisher Geschriebene/Gedachte in der Welt in den Schatten stellt. D. h., wer sich dieser Philosophie nähert, hat m. E. nicht nur ein schriftliches (Welt-)Destillat in den Händen, sondern einen Schlüssel, der potenter ist als alles, was ich persönlich je in die mentalen Hände gespielt bekommen habe. Daher: Äußerst empfehlsenswert! (Buchverweise am Ende des Artikels.)

Innerer Antrieb: Auf der Suche nach dem Wahren Selbst

Die intensivere Beschäftigung mit dem Gesamtselbst tritt i. d. R. dann auf, wenn besondere Ereignisse das Leben tangieren, die nicht mehr wissenschaftlich, esoterisch oder auf Wissensebene der Schul-Religion erklärbar sind, insofern man Religionslehrer als „Propaganda-Opfer“ und Wissenschaftler als „arroganz-versichert“ bezeichnen darf. (Die Wertung sei mir verziehen.)
Sich vom aktuellen Welt- und Universitätswissen zu emanzipieren, kommt gewissermaßen einer kulturellen und sozialen Dekonditionierung gleich, die nur mehr noch das eigene Erleben zum Maß nimmt, und dieses so zum Maß nehmen muss, wenn alles bisher Geglaubte, Gekannte und „Normale“ sich als unwahr und falsch herausgestellt hat.
Damit sei die häufig an mich herangetragen Frage beantwortet, was mich persönlich antreibt und warum ich „so viel weiß“. Es ist nicht so, dass ich jedes Buch und jeden Autor, den ich nenne, aus dem Stegreif zitieren kann, das mir jeder Absatz, den ich vielleicht vor Jahren gelesen habe, noch bewusst ist. Doch kann sich die Eindrücklichkeit, mit welcher Wissen kumuliert wird, jeder vorstellen, der eine körperliche Erkrankung hat und abseits der Schulmedizin nach Heilung sucht. Alles, was z. B. ein nierenkranker Mensch zur Heilung seiner Krankheit lesen wird, hat eine immense Bedeutung für ihn selbst, egal, ob die beschriebenen Heilmethoden nun allesamt wirkungsvoll sind oder nicht.
Ebenso ist es mit übernatürlichen Phänomen, mit Kundalini, mit verschiedenen Bewusstseinszuständen usw. … Wer wiederholt etwas erlebt, wofür es keine allgemeingültige und/oder offiziell erlaubte Erklärung gibt, wird die Literatur nicht deshalb lesen, weil er an der Schule/Uni eine Prüfung zu bestehen hat, weil er mit Wissen glänzen möchte oder weil ihm gerade langweilig ist, sondern weil es für ihn höchstselbst eine immense Bedeutung hat. Und so wird jeder Autor, jeder Absatz zu einer gewissen Eindrücklichkeit, die nicht mehr so schnell verblasst. Aus diesem Grund „weiß ich so viel“, auch wenn dies durchaus relativ zu sehen ist und ich davon ausgehe, dass es Menschen gibt, die mehr wissen als ich.

Die Ganzheit des Selbstes in der Bewusstseinsforschung

Was ich nachfolgend vorstelle, ist ein Modell, das der Bewusstseinsforscher Jonathan Dilas entwickelt hat.

Modell vom Gesamtselbst nach Jonathan Dilas:

Grafik zur Ganzheit des Selbstes nach Jonathan Dilas

Bildquelle: Screenshot aus „Verbindung mit dem Höheren Selbst“ – Link
Bildrecht: Jonathan Dilas |www.matrixblogger.de

Aus der Ganzheit des Selbstes geht das TS (Traumselbst) heraus. Das Traumselbst projiziert unzählige IEs (Innere Egos) auf die Zeitlinie. Aus den Inneren Egos wiederum entstehen unzählige Alternative Selbste, die ich z. B. „Ich-Modifikationen“ genannt habe. Diese Alternativen Selbste wirken auf das Ego (Alltags-Ich) mehr oder minder bewusst/unbewusst ein. Das Alltags-Ich ist der kleinste, bewusste Teil dieses Systems.
Der Zeitstrahl impliziert zwar eine Linearität, dennoch geschieht alles gleichzeitig. Jedes Alltags-Ich auf der Zeitlinie ist eine bestimmte Inkarnation. Jede Inkarnation hat eigene Alternative Selbste, bzw. Ich-Modifikationen. Alternative Realitäten – man könnte auch Nebenrealitäten oder Parallelrealitäten dazu sagen – entstehen durch Realitätsgabelungen, siehe Artikel Alternative Realitäten im Traum.

Das Ego (Alltags-Ich), das IE (Innere Ego) und das TS (Traumselbst) bilden die Ganzheit des Selbstes.

Was davon ist wie erfahrbar?

Auf horizontaler, unterer Ebene können andere Inkarnationen erinnert werden. Dies kann im Traum, in der Meditation, in der Bewusstseinserweiterung (durch Konsum von psychotropen Substanzen) geschehen, doch auch im als von der Psychologie als Dissoziation klassifizierten Zustand. Weiters gibt es noch den ekstatischen Zustand, in welchem andere Inkarnationen erinnert werden können, sowie den astralen Zustand, in welchem Inkarnationen besucht/gefunden werden können.
Auf vertikaler Ebene können Alternative Selbste (Ich-Modifikationen) zur bestehenden Inkarnation in Alternativen Realitäten erfahren werden. Ich-Modifikationen werden z. B. von vielen Menschen in Fortsetzungsträume in der Vergangenheit erfahren, wie ich in Alternative Realitäten in Träumen berichtet habe. Weiters können diese in allen oben genannten Zuständen, der Meditation, der Bewusstseinserweiterung usw., erfahren werden. Alternative Selbste können zwei, dreißig, vierzig oder über hundert zählen, auch wenn in obiger Grafik aus Platzgründen lediglich vier AS eingezeichnet sind.
Je mehr davon vertikal oder horizontal in das Alltags-Ich einströmt und bewusst wird, umso mehr nähert man sich der Ganzheit des Selbstes an. Dies geschieht i. d. R. nicht mit einem Paukenschlag über Nacht, sondern schrittweise für den, der ernsthaft bemüht ist, sein Bewusstsein zu entfalten und spirituell zu wachsen. Es ist ein jahrelanger Prozess.
Im finalen Prozess kann es zu einer Durchlichtung aller Zustandsformen kommen. Wer gleichzeitig bewusst im Traumselbst und im Alltags-Ich ist, erkennt das Leben als Traum. Gleichzeitige Bewusstheit im Traumselbst und im Alltags-Ich bewirkt die Erfahrung im Wahren Selbst zu sein. Alles ist (wieder) erinnert. Alles ist wieder bewusst. (Auch zukünftige Inkarnationen.) Dies kann auf einfacher Ebene so verstanden werden, dass jemand, der im Klartraum weiß, dass er träumt, sich gleichzeitig darüber bewusst ist, wie er heißt und dass er gerade schlafend, mit einem physischen Körper, im Bett liegt. Er weiß, dass er sich gerade in zwei Realitäten gleichzeitig befindet, doch beides ist ER. Dies, ausgedehnt auf obiges Modell, auf Inkarnationen und Alternative Selbste bis zum Traumselbst, heißt „Ich bin DAS“. Erfahren wird, all DAS gleichzeitig zu sein. Im Advaita Vedanta hat „Ich bin DAS“ übrigens den gleichen (Meditations-)Charakter, wie es die „I am Teachings“ haben, bzw. die „Ich-Bin-Lehre“ von Ramana Maharshi hat.

Anm.: Um im Modell lt. Dilas zu bleiben, spreche ich von vertikalen und horizontalen Ebenen. Dies ist weniger hierarchisch als modellhaft zu verstehen. Wer sich z. B. „Ich-Modifikationen“ (Alternative Selbste) nebengeordnet vorstellt und die Ganzheit des Selbstes als große Erweiterung versteht, die sich horizontal ausdehnt und nicht notwendigerweise nach oben „wächst“, ist nicht falscher oder richtiger als in anderen Denkmodellen.

Bezug zum Advaita Vedanta

Interessant für mich dabei ist, dass Jonathan Dilas Modell ähnlich zum Advaita-Vedanta-Modell ist. Aus Atman (dem Selbst) geht Avidya (Unwissenheit) hervor, daraus Upadhi (der materielle und feinstoffliche Körper), daraus folgen Rajas, Sattva und Tamas (die drei Gunas) und auf der untersten Ebene ist Jiva (das Alltags-Ich). Avidya (im Menschen) ist Maya (im Kosmos). Atman und Brahman träumen jeweils, was auf der untersten Ebene für Ishvara und Jiva bedeutet, dass sie lediglich Teil eines viel Größeren sind. Was Jonathan Dilas TS (Traumselbst) nennt, ist (für mich) ident mit Maya und Avidya. Die Ganzheit (bei Jonathan Dilas) ist Atman, das (wahre) Selbst. Und Atman wird erfahren, wenn Inneres Ego, Alternative Selbste und TS (Traumselbst/Avidya) bewusst geworden sind.
Sowie Luzidität im Alltag besteht, was zumeist – wenn überhaupt – nur temporär gelingt, besteht auch ein buchstäbliches Aufwachen.

Abgrenzung zu C. G. Jungs Modell und Traumdeutung

Wie hier deutlich wird, geht es weder im Advaita Vedanta noch in Jonathan Dilas Modell um Archetypen, um ein kollektives Unbewusstsein, das irgend in das Alltags-Ich hineinspielt, wenngleich diese Phänomene zweifellos bestehen. Es geht hier nicht darum, eigene Projektionen in anderen Menschen als Selbst-Anteile zu verifizieren, noch Träume hinsichtlich der (momentan bekannten) Alltagsrealität zu deuten. Auch gibt es im Jung’schen Verständnis des Selbstes kein Indiz von Avidya/Maya oder dem Traumselbst. Dass die aktuell erfahrbare Realität ein Geträumtes ist, das als Illusion erkannt werden kann, kommt in der Psychologie Jungs nicht vor.
Meine Erfahrung hat gezeigt, dass zudem nicht alle Trauminhalte die bekannte Realität besprechen/thematisieren, sie können einen anderen Vektor haben und auf Alternative Realitäten, Ich-Modifikationen oder sogar auf andere Inkarnationen zeigen. Siehe Artikel Träume und Alternative Realitäten.
Das heißt, die Symbolsprache ausschließlich auf das aktuelle Leben hin zu deuten, kann Unschärfe mit sich bringen. Das eigene, aktuelle Leben kann ebenso ein Traum für eine andere Inkarnation auf dem Zeitstrahl sein, sowie die Alternativen Selbste gegenseitig voneinander träumen (können).
Wer Probleme im Leben, in Beziehungen oder mit der Familie hat, kann diese Probleme auch ohne klassisch-psychologische Traumdeutung angehen. Es braucht dazu nicht notwendigerweise die wie auch immer gedeutete Symbolsprache des Unbewussten. Die einseitige Deutung von Trauminhalten, z. B. der Regenbogen als Brücke, das Tor als Vagina, der Tunnel als Geburtskanal usw., klammert so viele Elemente des Traumerleben aus, dass ich persönlich, wäre ich psychologisch tätig, Gewissenskonflikte hätte, wenn ich anderen Menschen mit dieser Methode zu Leibe, bzw. zu Seele rücken müsste. Es klammert den Zeitstrahl aus, die Gleichzeitigkeit, die Ich-Modifikationen und obendrein den Klartraum, welcher wieder andere Dynamiken aufweist.
Gäbe es keine Sprache, gäbe es immer noch Träume. Letztlich träumen auch Hunde und diese haben keine Grammatik und keine Worte. Der Traum als Symbolwelt für das aktuelle Leben …? Naja. Man kann sein Leben auch anders verbringen, als in einer Never-Ending-Story von offenen oder geschlossen Symbolen, von Erscheinungen, die allegorisch oder archetypisch gebunden sind … Das heißt: Man kann sein Leben auch anders verbringen, als damit, sich selbst im Deutungsuniversum zu verlieren, was eben der bis heute zu zahlende Zins an Jungs psychologischer Verschuldung ist …

Vedanta: Das Ego als Sonne?

Wer aus diesem Artikel etwas mitnehmen möchte, kann sich vorstellen, dass das Traumselbst die Sonne in einem Sternensystem ist. Die Sonne wird von Planeten umkreist. Dies sind Merkur, Erde, Venus, Mars, Jupiter, Saturn, Uranos, Neptun und Pluto. Einer dieser Planeten, nennen wir ihn „Erde“, ist die aktuelle bekannte Inkarnation, die jetzt gerade den Vor- und Zunamen trägt, der in der Geburtsurkunde eingetragen ist. Das Gesamtselbst (Atman) ist das Sonnensystem, in dem sich Planeten, Sonne, alle Monde und Asteroiden bewegen. Es gibt über die Schwerkraft, über die Sonneneruption, über die Planetenbahnen, über Bewegung, über Licht und Dunkelheit permanenten Austausch untereinander. Saturn wirk auf Jupiter, Jupiter auf Mars, der Mond wirkt auf die Erde, die Sonne wirkt auf alle usw. Das gesamte System kann ungeordnet wirken, aber das ist es nicht.
Falls die Erde, bzw. der Mensch auf der Erde, mit einem Teleskop hinaus blickt, wird er irgendwann die anderen Teile erkennen. Diese erscheinen nicht alle sofort im Blickfeld, es ist jeweils nur das zu erkennen, was gerade vorüberzieht. Irgendwann wird er jedoch erkennen, dass er eben nicht die Sonne in seinem eigenen System ist, sondern nur ein Teil davon, der die Sonne umkreist, so wie andere Teile die Sonne umkreisen. Irgendwann wird er erkennen, dass alle Teile miteinander „sprechen“, auch wenn er noch nicht weiß, was genau sie sagen oder wie alles bis ins Letzte verstanden werden muss. Er erkennt die Planetenbahnen, erkennt das Individuelle an Saturn, die Ringe, er erkennt das Individuelle an Jupiter, die Größe und seine Monde, z. B. Ganymed, Kallisto und Europa. Er erkennt den Asteroidengürtel, wo es scheppert und klimpert. Worauf immer sein Fokus gerade gerichtet ist, wird er mehr und mehr erkennen.
Und schließlich erkennt er die Sonne, die alles zusammenhält, trägt und dirigiert. Und je mehr er sein Bewusstsein entfaltet, umso tiefer wird sein Blick, bis er irgendwann weiß, dass er all DAS (selber) ist. Er erkennt, dass er (auch) dieser Jupiter ist, dass er (auch) Ganymed, Kallisto und Europa ist, dass er (auch) Saturn ist und die Venus und die Klimperteile im Asteroidengürtel und so weiter. Und er erkennt, dass alle Teile nicht nur Teil von ihm sind, sondern jeder andere Teil sich auch in ihm wieder-erkennt, weil auch von dort aus Wesen mit einem Fernrohr in den Himmel blicken. Ach, da ist auch einer und guckt? Hallo! Ich bin hier! Ah, ach so! Er ist Ich und Ich bin Er und zusammen sind wir DAS. Ist ja uuuuunglaublich! Das alles sind WIR!
Aus der Getrenntheit wird Einheit. Die Einheit war immer schon da. Es gab stets eine Harmonie darin, eine Ordnung. Doch erst der bewusste Blick darauf, das Erkennen/Aufwachen/Erinnern führt zur Ganzheit. Dass diese als solche erkannte Ganzheit eine andere Potenz hat, als die „Erde“ alleine, versteht sich von selbst. Die Gesamtgravität (Ausstrahlung) des Sternensystems hat innerhalb der Galaxie, der Milchstraße eine andere Auswirkung auf außenstehende und innenstehende Objekte, als die Erde alleine. Mit dieser Potenz hat Jiva, das Alltags-Ich, (innerhalb Turiya, der Luzidität) nicht mehr nur eine Faust, die sich ballen kann, nicht mehr nur einen Gedanken, den er fassen kann, sondern hat Zugriff auf alle Fäuste in seinem System und auf alle Gedanken in seinem System. Eben das ist das Wiedererlangen der eigenen Göttlichkeit. Eben das ist Sein im Wahren Selbst. Eben das ist Advaita-Vedanta.

Ist das Selbst bedrohlich?

Gemäß Jungscher Psychologie hat das Selbst die Tendenz, das Ich zu verschlingen, was eine gewisse Gefährlichkeit impliziert. Als bedrohlich habe ich das Selbst – mein Selbst – nicht erlebt. Was aber geschehen kann und was auch ich schon in gewissen Bewusstseinszuständen erlebt habe, ist ein temporärer Verlust der Ich-Identität. Diese Bezuglosigkeit kann natürlich insofern ängstigen, da nicht klar ist, ob der Zustand bleibt oder wieder geht. Weiters ist anzunehmen, dass man „so“ im Alltag nicht funktionstüchtig ist.
Interessant dabei ist jedoch, dass das Ich eben doch nur eine gewisse Datenmenge an Erinnerungen von der Kindheit bis zum aktuellen Lebenszeitpunkt ist, was die Nichtigkeit des Ichs definiert. Ich-Identität ist ein Gebilde aus Erinnerungen, Assoziationen und Zuordnungen, ein sich irgendwie Agierendes in der Gesellschaft mit einem Namen. Dass aber zwei Augen in den Spiegel blicken und ein namenloses (menschliches) Wesen erkennen, zeugt jedoch immer noch von Bewusstsein dahingehend, dass zwei Augen sehen, die etwas wahrnehmen können und dass innerlich trotzdem sehr viel stattfinden kann. Solange etwas Wahrnehmendes existiert, gibt es auch Bewusstsein. Wer also schon Probleme hat, weil er nicht mehr weiß, wer er ist, wenn er seine Arbeit verliert, seinen persönlichen Status oder weil er Ansehen/Ruhm etc. verliert, für den kann – und das meine ich ironisch – die Erfahrung gänzlichen Ich-Verlustes heilsam sein: Der Verlust des Arbeitsplatzes in Verbindung mit der Rolle am Arbeitsplatz ist eine Lappalie gegen vollständigen Ich-Verlust.
Abgesehen davon war es aber dieser dissoziierte Zustand, in welchem ich die intensivsten und nachdrücklichsten, wundervollsten und von anderen Teilen in meinem System empfangen hatte – und diese erstmals „lesen“ konnte. Weiters erlebte ich mich in meinem „wahren Selbst“ als sehr mächtig, es war phänomenal. Ich war voller Magie. Und alle Fragen, die ich hatte, waren schon beantwortet, bevor mir die Frage in den Sinn kam. Ich brauchte nur vage an einen Sachverhalt zu denken, schon war alles dazu da, was profund, wichtig und sinnvoll war. Auch Liebe wird erfahren, es ist wie eine Art Klebstoff zwischen allen Teilen, als ob – um obige Analogie zu bemühen – Gravitation gleichzusetzen mit Liebe wäre, weil erst Liebe alles ordnet, auf den Bahnen hält und zusammenführt.
Was auch geschehen kann, was ich angeschnuppert aber nicht erfahren habe, ist ein Wechsel auf vertikaler Ebene in ein Alternatives Selbst, in eine andere Ich-Modifikation. Es kann ein Wechsel dauerhaft oder temporär sein. Insofern ich als Ich-Variante besser bin, vielleicht fortgeschrittener, vitaler, finanziell völlig frei, wäre ein Wechsel kein Drama, doch eben dies kann auch misslingen, insofern man es schlechter trifft. Freunde, Familie, Arbeitskollegen, Wohnort, Gesundheitszustand, alles kann verändert sein. Carlos Castaneda hat „einen Sprung“ gemacht. Brian Greene hat über Fälle von Wechsel in Alternative Realitäten im Buch The Hidden Reality berichtet. Ein bekannter Fall ist Lerina Garcia Gordo. Auch Paul Dienach hat ähnliches erlebt. Ein Wechsel ist möglich, aber vermutlich unter keinen Umständen anzuraten.

Was bringt es, sein Wahres Selbst erfahren zu wollen?

  1. Verbesserte Intuition
  2. Erkenntnis über den persönlichen Lebenssinn
  3. Tiefes Vertrauen in alle Begebenheiten im Leben
  4. Tiefes Vertrauen in das Leben an sich
  5. Steigerung und Erleben der eigenen Schöpferkraft
  6. Heroisches Gefühl von allumfassender Macht
  7. Phänomenales Gefühl von Allwissenheit
  8. Überwindung von Einsamkeitsgefühlen oder Gefühlen des Getrenntseins
  9. Wiederentdeckung eigener Selbstheilungskräfte
  10. Erkenntnis, dass alles ein Spiel ist
  11. Erkenntnis, dass die bekannte Welt „unecht“ ist
  12. Erleben von bedingungsloser Liebe
  13. Anhebung des energetischen Niveaus
  14. Durchschauen von Maya/der Matrix

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James Schwartz: Die Wirklichkeit verstehen: Vedanta, eine praktische Einführung –Link
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2 thoughts on “Wiedererlangung zur Ganzheit des Selbstes – Teil 2”

  1. Liebe Tanja,

    eine mehr als kraftvolle Fortsetzung deines letzten Eintrags, der sich für mich eher als Intro liest und sich vorwiegend kritisch mit eindimensionalen Denkstrukturen auseinander setzt.
    Allein die Vorstellung von der parallelen Existenz verschiedener Selbste hat meinen Verstand schon immer angeworfen, wie einen flimmernden Brummkreisel. Ich erinnere mich gut daran, dass ich als Kind bereits solche Fantasien hatte (von Brummkreiseln und verschiedenen Wirklichkeiten). Da haben sie sich aber nicht bedrohlich angefühlt, eher im Gegenteil. Ich habe sie als Zugewinn meiner Freiheit des Geistes erlebt, so wie auch meistens heute wieder.

    In meiner täglichen Arbeit mit Patienten bin ich mittlerweile fast gänzlich von festen, pauschalen Zuschreibungen und „Baukastenmethoden“ abgekommen. Nicht nur als ausschließlich mit der diesseitigen Inkarnation identifiziertes Individuum (was ich im Grunde gar nicht mal so problematisch sehe) kann einem die Angst vor dem Unbekannten zu schaffen machen. Gerade viele Therapeuten, versuchen sich die Patienten „vom Leib“ zu halten, aus Angst, ihnen vielleicht ähnlicher zu sein, als ihnen lieb ist. Die Angst vor dem, was nicht (oder mit den verwendeten Mitteln) nicht greifbar ist, zwingt dann viele Menschen zu solchen Handlungen, wie im letzten Eintrag von dir beschrieben: Die erlebte Wahrheit (die ja erstmal erhaben ist) wird so lange gefaltet, geknetet und verdreht, bis sie durch die eigene Schablone passt. Das ist nicht nur schade, sondern in manchen Fällen einer „echten“ Gesundung leider nur wenig zuträglich.

    Meiner Meinung (und meiner Erfahrung) nach muss es aber nicht immer gleich der gänzliche Ich-Verlust sein, der uns Menschen (oder wie auch immer wir uns in der aktuellen Inkarnationsform bezeichnen mögen) wie ein Wecker aus dem Schlaf reißt. Manchmal reicht auch ein sanfter, zärtlicher Weckruf, oder als freundliche Erinnerung. So zumindest wirken einige deiner Beiträge auf mich.
    Dafür danke ich dir.

    Lichte Grüße
    Jens

    1. Hallo Jens,

      herzlichen Dank für deine Kommentare zu „Alternative Realitäten im Traum“ und „Die Ganzheit des Selbstes Teil 1 und Teil 2“. 🙂

      Ich freue mich sehr über deine Offenheit, deine Neugierde, deine Haltung als Therapeut im Umgang mit Patienten sowie über deine differenzierte Sichtweise.

      Merci für deine Gedanken, die immer auch Mehrwert schaffen.

      Lieber Gruß,

      Tanja

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