Was ist Erleuchtung? Teil 1

ErleuchtungEs gibt kaum einen Begriff, der der Willkür des subjektiven Erleben so sehr ausgesetzt ist, wie der Begriff der „Erleuchtung“.
Der vordergründige Mensch schmückt sich mit ihr, der tiefsinnige Mensch schweigt, der Suchende setzt sie als abstraktes Ziel in den Horizont seines Bewusstseins, der weise, reife Mensch blickt auf ein bis zwei Erleuchtungsmomente zurück, und der westliche Mensch meint für gewöhnlich, dass er umso erleuchteter ist, je öfter er Ekstase und Lichtphänomene erlebt …
Lauscht man daher mit einer gewissen Distanz den Gesprächen in spirituellen Kreisen, so könnte die Tragweite des Missverstehens nicht größer sein. Ist Erleuchtung Erwachen? Erkennen? Ist es ein Zustand? Oder ein Prozess? Muss man sich um Erleuchtung bemühen oder fällt sie einem in den Schoß? Wer ist wann erleuchtet und darf sich als erleuchtet bezeichnen?
Bestünde über die diversen Gesprächsannahmen und über die Verwendung der Begriffe wenigstens eine gewisse Reflexion, so wäre damit auch die Grundlage für eine Diskussion gegeben. Eine Diskussion, die die Verwirrung beseitigen könnte, zumindest eine wahrhaftigere Kommunikation ermöglichte. Doch leider geschieht das nicht, da in den meisten Fällen einfach nur „behauptet“ oder aneinander vorbeigeredet wird. Was A sagt und B versteht, interessiert A nur so weit, dass B verstanden hat, dass A erleuchtet ist. Und vice versa. Dass sich beide falsch verstehen, weil A zum Beispiel von „Ekstase“ und B von „Erwachen“ spricht, tut dem Gespräch keinen Abbruch.
Ein Drama, das sich nicht nur beim Erleuchtungsbegriff zeigt.

Ich möchte daher gleich hier, als Erstmaßnahme, festhalten, dass auf einer einfach verstandenen Ebene Erleuchtung genau das ist, was jemand sagt, dass sie ist. Dies nun nicht als 360-Grad-Verteidigung, aber als erster Abwehrschlag gegen das Missverstehen.

Erleuchtung im Ausverkauf

Ebenso irreführend ist die stereotype Vorstellung des Westens von der Erleuchtung. Wir denken an bunt leuchtende Chakren, über dem Kopf ein Halo, tanzende Sterne, leuchtende Augen … Lametta und Weihnachten.
Zu diesem Bild gesellen sich dann noch diverse Ansagen: Erleuchtung ist möglich. Der Weg zur Erleuchtung in sieben Schritten. Erleuchtung – nur durch Retreat. Nur durch Yoga, Initiation oder Begegnung mit dem Krafttier … Erleuchtung als Kick.
Wir sehen also, es geht ums Verkaufen. Und was gut klingt, verkauft sich auch.
Wir kennen sicher alle noch die Calgon-Werbung, in welcher der „Fachmann“ entsetzt auf die Verkalkung in der Waschmaschine blickt und sich autoritär echauffiert, dass Ihnen das mit Calgon nicht passiert wäre.
Ähnlich ist es dort, wo „Erleuchtung“ verkauft werden soll. Ungeprüfte „Fachmänner“ detektieren zunächst den „Schaden“, nämlich die „Nicht-Erleuchtung“ oder die „Unbewusstheit“, die durch „Mangeldenken“, „Angst“, „Gefühl des Getrenntseins“, „fehlendes Mitgefühl“ usw. entsteht. Dann folgt der Tadel: Mit dem richtigen Denken wäre Ihnen das nicht passiert! Darauf folgt prompt die Lösung, nämlich das dreitägige Seminar oder das neue Buch …
Hier wird keine Beihilfe zur Erleuchtung betrieben, sondern Beihilfe zum Verkauf.
Und ich knirsche mit den Zähnen. Denn das Getrenntsein, Angst, Mangeldenken, sowie alles, was ein Mensch sehen, fühlen und begreifen kann, führt – ebenso! – zur Erleuchtung, wie langjährige spirituelle Praxis. Ich sage bewusst „ebenso“. Denn nach Rom führen bekanntlich viele Wege.

Zur Begriffsgeschichte

Wer hat’s erfunden? Wann hat’s begonnen?
Die antike philosophische Lichtmetaphorik prägte den Begriff der Erleuchtung etwas später als der Buddhismus. Wir sprechen hier von Platon, der im 4. Jh. v. Chr. gelebt hat und von Siddhartha Gautama, der im 5. Jh. v. Christus gelebt hat.
Während in Indien also der Buddhismus entstand, schuf der große Philosoph Platon in seinem sogenannten „Siebten Brief“ die Basis für den Begriff der Erleuchtung. Erleuchtung, so sagt Platon, entstehe, indem man Benennungen, Wahrnehmungen, Erklärungen und Ansichten solange aneinander „reibe“, bis Einsicht über das jeweilige Thema aufleuchtet. Dieses Aufleuchten hat nach Platon tatsächlich einen „feurigen“ Charakter und entsteht wie durch die Reibung zweier Feuerhölzer. Dabei ist das auflodernde Feuer immer plötzlich, und genau so – plötzlich – erhellt es die Seele. So schuf Platon die prä-religiöse Basis für den Begriff, den im 3. Jh. der Philosoph Plotin zur Lehre von der „Schau des Lichts des Einen“ weiter entwickelte. Plotin erst prägte den Begriff der Erleuchtung so, wie wir ihn heute verstehen.
Nicht unwesentlich viel früher, jedoch viel weiter östlich, saß der 35-jährige Siddhartha Gautama eines Tages unter der Pappel-Feige. Im Lotussitz. Genauer gesagt saß er dort lt. Überlieferung schon länger in tiefer Meditation. Und irgendwann, voilà, war das erste Erlebnis des Erwachens da. Genannt „Bodhi“. Erleuchtung. In dieser Erfahrung, so heißt es, erkannte Siddharta die Welt als eine Abfolge von Traumbildern, er erkannte sich in allem, was er einmal gewesen war und erkannte sogleich den Kreislauf der Wiedergeburt, die Seelenwanderung …
Hierzu lasse ich nochmals Platon zu Wort kommen, der über die Seele meint:

„Das Lernen ist eine Aktivität der Seele. Es besteht nicht darin, dass die Seele etwas Neues und Fremdes von außen aufnimmt, sondern darin, dass sie sich – etwa durch einen Anstoß von einem Lehrer – an ein Wissen erinnert, das sie eigentlich bereits zuvor besessen hat, über das sie aber bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst hat verfügen können. Dieses Wissen, die Kenntnis der Ideen und aller Dinge, hat sie aus ihrem vorgeburtlichen Dasein mitgebracht. Sie hat es an einem „überhimmlischen Ort“ erworben; hinzu kommen ihre Erfahrungen aus ihren früheren Erdenleben und aus der Unterwelt. Durch Wiedererinnerung (Anamnesis) macht sie sich das verschüttete Wissen verfügbar.“

Wir sehen also, dass etwa zur gleichen Zeit an zwei verschiedenen Orten etwas Ähnliches passierte. Nicht nur nahm der „Erleuchtungsbegriff“ Gestalt an, auch wurde über die Erleuchtungserfahrung berichtet, in welcher die Wiedergeburt der Seele erkannt wird, bzw. schreibt Platon über „frühere Erdenleben“ und Siddhartha hat selbige während der Erleuchtung „gesehen“.
Was Platon also noch völlig unreligiös, unmythisch und mit der simplen Klarheit eines Glases Wassers beschreibt, hat Siddharta – insofern es nicht nur Legende ist – am eigenen Leib erfahren, sich durch Suche und Askese erworben. So entstand im Osten eine Religion und im Westen eine Lehre, die übrigens der Kirchenvater Augustinus im 4. Jh. n. Chr. wieder adaptierte, das heißt, christianisierte. Wir wissen ja, dass Augustinus sich auf Platon und Plotin bezog. Christliches Gedankengut ist daher in Teilen „klassisch antik“, nur erkennen wir die ursprüngliche Lehre im christlichen Gewand nicht mehr wieder.

Erleuchtung heute

Heute versteht sich Erleuchtung wie folgt: Erleuchtung ist eine Erfahrung, die meist – aber nicht nur – im religiös-spirituellen Rahmen geschieht und die das Alltagsbewusstsein weit über den Tellerrand der bisher erkannten Wirklichkeit hebt, sodass eine Gesamtschau gelingt, die sämtliche Weltangelegenheiten erklärt, sonach angstlösend, befreiend und erweiternd wirkt.
So ist Erleuchtung heute gemeinhin definiert. Doch bei genauerer Betrachtung wird auch diese Definition unscharf. Über den Tellerrand blickt man auch so mal hinaus, die Wirklichkeit kann man schon mit reiner Phantasie durchbrechen, eine Gesamtschau hat auch ein Pilot und angstlösend wirken Medikamente auch …
Hallo Relativismus.
Ich verstehe daher jeden, der argumentiert, dass es Erleuchtung gar nicht gibt, es ja nur eine Erfindung ist; und außerdem könne man sich ja vieles auch einbilden und diese Teilzeiterleuchteten sind ja schon auch ein bisschen gaga … Ja, auch ich bin erheitert über so manche Blüte des „Erleuchtungswesen“, doch ist Erleuchtung nun alles andere als Einbildung. Sie geschieht. Jeden Tag. Die Welt zählt aktuell 7,47 Milliarden Menschen. Ein Prozent davon beträgt 74.700.000, also 74,7 Millionen Menschen. Kanada zählt ca. 36,5 Mio. Einwohner. Gehen wir davon aus, dass nur 1 % von 74,7 Milliarden Menschen dauerhaft oder temporär erleuchtet ist, so wäre das etwa zwei mal der Staat Kanada. Gehen wir davon aus, dass nur 0,1 % von 74,7 Milliarden dauerhaft oder temporär erleuchtet sind, so wären es noch immer 7,47 Mio. Menschen, was etwa der Einwohnerzahl des Landes Niedersachsen mit ca. 7,92 Mio. entspricht. (Sämtliche Zahlen, Quelle Wikipedia.)

Abschließend eine einfachere, „merkbare“ Definition: Erleuchtung ist also eine Erfahrung, die das Bewusstsein verschiebt, sodass eine andere Perspektive eingenommen werden kann, die das Begreifen von größeren Zusammenhängen ermöglicht.

Ich berichte im nächsten Teil ausführlicher über die Erleuchtungserfahrung als solche und die Wege dahin, sowie im dritten Teil über den Zustand danach.

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Copyright: © Tanja Braid, www.neoterisches-bewusstsein.com

Geboren 1978 – Bloggerin | Beraterin zu spirituellen Themen | Kundalini | Neoterikerin | Herausgeberin von Neoterisches Bewusstsein – Moderne Spiritualität

3 thoughts on “Was ist Erleuchtung? Teil 1”

  1. Der erleuchtete, spirituell (voll) bewußte, Mensch gibt das, was er sagen / schreiben will, durch die schon bei den alten Griechen bekannten „3 Siebe“.
    Man sollte sich als Autor fragen: „Ist das, was ich zu sagen / schreiben gedenke
    1. wahr?
    2. notwendig?
    3. liebevoll?

    1. Hallo Heureka!

      Ja, das hat auch Kirpal Singh ähnlich formuliert: „Sprich nur aus, was wahr, hilfreich, freundlich und notwendig ist.“
      Er war ein indischer Meditationslehrer und viele Jahre Vorsitzender der Weltgemeinschaft der Religionen.

      Ich denke, das sollte sich nicht nur ein Autor zu Herzen nehmen, sondern jeder, der mit anderen kommuniziert. 🙂

      Vielen Dank!

      Tanja

  2. Im SELBST ruhendes Bewusstsein!
    Befreit von allen Gebundenheiten- Hoerigkeiten,…..
    Glueckseligkeit-
    aus und in mir selbst!
    Uneingefaerbtes renes SEIN!

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