Verbotene Spiritualität: Die Magie der Psychose

IVerbotene Spiritualität Die Magie der Psychosech wurde von einer interessierten Leserin gebeten, meinen Blick auf folgenden Artikel vom 06.04.2017 zu werfen. Darin schildert Maria Vera, die auch medial präsent ist, ihre Psychose.
Es ist in diesem Mail vorab der Text von Maria Vera. Passagen, die mir wichtig scheinen, sind im Anschluss daran herausgenommen und von mir  kommentiert.

Die unheimliche Magie der Psychose

Quelle: Sein.de
Datum: 06.04.2017

Ist Psychose eine Krankheit oder könnte sie auch als erweiterte Wahrnehmung verstanden werden? Und schließt sich beides überhaupt aus? In ihrem spannenden Erlebnisbericht erzählt die 23-jährige Vera Maria von ihren Erfahrungen mit einer Psychose.
Psychose – Krankheit oder geistige Erweiterung?
Eine Frage, die sich mir immer wieder stellt, ist die, ob ich komplett verrückt bin, da ich mich nie von manchem Gedankengut meiner Psychose distanzieren kann – auch im „normalem Zustand“ nicht.

Bin ich anmaßend? Gänzlich übergeschnappt?

Oft sind es religiöse und allumfassende Wahrheiten, die sich mir in der Psychose offenbart haben. Kann eine Psychose auch Wahrheiten erhalten, deren Reichtum man einfach spürt?

Als wären es so etwas wie Naturgesetze?

Steht also mein Glaube meiner geistigen Gesundheit im Weg? Oder kann eine Psychose mehr sein als die Krankheit, wie es mir die Ärzte sagen und unsere Schulmedizin lehrt?

Ich habe eine ähnliche Frage in einem psychologischen Internetforum gestellt, daraufhin erhielt ich unter anderem eine sehr kritische und zweifelnde Antwort: „Es ist Spinnerei zu behaupten die Krankheit Psychose könnte mehr sein, als das, was sie ist, nämlich eine Krankheit. Der Gedanke Psychose könne irgendein Potential enthalten, ist schlichtweg dumm und entspringt wahrscheinlich deinem psychotischen Gedankengut. Also ist es Teil deiner Krankheit. Wenn du wieder normal wirst, wirst du dies einsehen. Auch die religiösen Wahrheiten, die du zu entdecken glaubtest, würden wohl von Theologen so nicht bestätigt werden.“

Wahrheit oder psychotisches Wunschdenken

Nun, dies hier ist keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern nur mein persönlicher Bericht über Dinge, die ich erlebt habe. Aber ich denke, dass niemand mit Gewissheit sagen kann, was Wahrheit ist und was Wunschdenken oder Illusion.

Ich habe gelernt, auf mein Gefühl zu vertrauen und vielleicht wirst auch du nach diesem Artikel eine andere Antwort auf die Frage finden als zuvor.

Diagnose: schizoaffektive Störung

Wie du vermuten wirst, stimmt etwas in meinem Kopf nicht so ganz.

Das hört sich hart an, ist aber die Realität, meine Realität, mit der ich tagtäglich zu kämpfen habe.

Meine derzeitige Diagnose lautet „schizoaffektive Störung“. Anfangs hieß es noch „Angstneurose und Depression“. Die angebliche einfache Depression entwickelte sich dann zur bipolaren Störung weiter. Bipolar bedeutet, manischdepressiv zu sein, also ein stetiges Schwanken zwischen den beiden Polen extremer Euphorie (Manie) und Depression. Die manische Phase ist gekennzeichnet von Übermut: himmelhochjauchzend und voller Energie und steht im starken Kontrast zur Depression, die durch ein Leeregefühl und tiefe Verzweiflung geprägt ist.

In den ersten Jahren dieser Erkrankung ist die Suizidrate sehr hoch, da der Erkrankte oft von der Manie direkt in die Depression fällt und der Unterschied der Stimmung so noch größer ist, als wenn man aus einem normalen Zustand heraus in eine Depression fällt. Manche Betroffenen erleben zwischen diesen zwei Extremen auch normale Phasen. Entfallen die normalen Phasen jedoch ganz, spricht man von „Rapid cycling“, wodurch die Belastungen für Geist und Körper noch höher sind, da man nie eine Ruhepause hat und Manie und Depression sich andauernd abwechseln.

Die schizoaffektive Störung hat im Vergleich zu einer rein bipolaren Störung noch einen psychotischen Anteil. Meist treten die Psychosen in der Manie auf. (Ich hatte also Depressionen und Manien mit psychotischen Episoden.) Bei einer Psychose hat der Betroffene oft einen Realitätsverlust und nimmt akustische sowie auch optische Halluzinationen wahr, hört somit Stimmen oder sieht Dinge, die nicht real vorhanden sind.

Bis jetzt habe ich zwei Psychosen erlebt. Während dieser Psychosen machte ich viele rätselhafte Erlebnisse und an vieles kann ich mich auch gar nicht oder nur noch verschwommen erinnern. Manche Eindrücke und Erinnerungen aus der Psychose kommen mir in meinen Träumen oder in Zuständen seelischer Entspannung kurz wieder ins Gedächtnis, aber wenn ich versuche, sie in konkreten Bildern festzuhalten, entgleiten sie mir.

Die zwei klassischen manischen Psychosen, die ich hatte, habe ich größtenteils in einer Psychiatrie bei Freiburg erlebt. Diese zwei Psychosen folgten kurz aufeinander und verschwimmen dadurch in meinem Gedächtnis ineinander. Ich habe oft ein Gefühl, als wäre eine Blockade oder Barriere im Kopf, die es mir unmöglich macht, mich präzise zurückzuerinnern. Dazu muss man wissen, dass es oft vorkommt, dass sich die Betroffenen an manische Phasen nur schlecht oder gar nicht erinnern können, was wohl eine Schutzfunktion des Gehirns ist, da es in manischen Phasen zu unüberlegten und peinlichen Handlungen kommen kann.

Vision: Das Erkennen der Ursachen meiner Krankheit

Während einer manischen und psychotischen Phase in der Klinik hatte ich sehr viel Zeit, über mich selbst und die Ursachen meiner Krankheit nachzudenken, vor allem über die Ursachen der Angststörung.

Plötzlich hatte ich Ideen und Einsichten, die mir in normalen Zustand, also jenseits der Psychose nicht zugänglich waren. Ich hatte das Gefühl, auf ein Wissen, das tief in mir verankert ist, zugreifen zu können, als würde sich mir eine Schatztruhe öffnen, die normalerweise fest verschlossen war. Plötzlich konnte ich darauf zugreifen, konnte die Truhe einen Spalt breit öffnen und völlig neue Erkenntnisse gewinnen. Einige der Erkenntnisse, die sich mir schlagartig offenbarten, schrieb ich in einem langen Brief an mich selber auf.

Plötzlich wusste ich einfach, dass der Grund meiner Angststörung die Wochenbettdepression meiner Mutter war. Mir gelang das Aufstellen eines Krankheitsmodells, mit den Ursachen für meine Angststörung. Ich habe zwar oft mit Psychologen versucht, die Gründe für meine Angststörung zu finden, doch diese Einsichten, die ich mitten in der manisch geprägten Psychose hatte, waren gänzlich neu und ergaben ungemein viel Sinn.

Nie habe ich im Laufe der Therapie, obwohl ich ja von vielen Psychiatern und Psychologen bereits behandelt worden bin, solche logischen und konsistenten Erklärungen gefunden. Für mich ist das ein weiterer Beweis dafür, dass sich das Bewusstsein während einer Psychose weitet und man tief ins Unterbewusstsein eindringen kann, und dort auf sonst verborgenes Wissen zugreifen kann.

Vision: Der Gott Wolfgang

Auch Götter habe ich gesehen oder halluziniert und auch mit ihnen gesprochen. Dazu ist zu sagen, dass es für psychotische Menschen ganz typisch ist, in Mitmenschen Symbolfiguren hineinzuprojizieren. Ich glaubte, in einem sehr alten Mitpatienten einen Gott zu erkennen, der Wolfgang hieß und der für mich den Gott des Alten Testaments symbolisierte. Dieser Wolfgang war mit mir einer Meinung, dass die Menschen einen schrecklichen Fehler machten im Umgang mit anderen Lebewesen, also mit unseren Tieren und der Natur im Allgemeinen. Das anthropozentrische christliche Weltbild, das im Menschen etwas ganz Besonderes sehe und ihn über die Tiere erhebe, sei schlichtweg falsch und verursache auch sehr viel Leid. Wir seien alle Geschöpfe Gottes, wobei ein Mensch eben nicht mehr oder weniger Wert besitze wie eine Spinne, eine Fliege oder ein Schwein.

Wolfgang betonte, dass es ein Fehler des Menschen sei und von Hochmut zeuge, sich über die übrigen Lebewesen und die Natur zu erheben. Dass alles eins und miteinander verwoben sei und dass das eine nicht ohne das andere existieren könne. Als ich Wolfgang fragte, ob ich etwas für ihn einkaufen solle, weil ich ohnehin zum Supermarkt um die Ecke wollte, meinte er: „Bananen wären gut. Die haben unseren Vorfahren, den Affen, auch geschmeckt.“

Ich musste lachen, denn der Gott Wolfgang hatte offenbar Humor.

Vision: Begegnung mit Yin und Yang

Die meisten Menschen kennen das Yin- und Yang-Zeichen. Ich selbst habe es eigentlich immer so interpretiert, dass es den Gegensatz von Gut und Böse in der Welt darstellt. Schwarz gegen Weiß und Gut gegen Böse.

Yin heißt auf Deutsch „Schattenseite des Berges“ bzw. „schattige Uferseite des Flusses“. Es verkörpert die passive, nach innen gerichtete Energie und gilt als weiblich. Yin steht für Nacht, Dunkelheit und Stille.

Yang bedeutet übersetzt „Sonnenseite des Berges“ bzw. „sonnige Uferseite des Flusses“. Es ist das aktive, Impulse gebende Prinzip und wird als männlich bezeichnet. Es steht für Sonne, Tag, Licht und Bewegung.

Während einer Psychose ordnete ich aber Yin das Helle und Yang das Dunkle zu und möchte meine vertauschte Zuordnung im Folgenden auch beibehalten, da sie mir instinktiv richtig erscheint. Ich glaube, meine umgedrehte Zuordnung des Yin-Yang Zeichens entstand vor allem durch den hellen Klang des Wortes Yin, der in mir Assoziationen nach Licht hervorruft, während der dunklere Klang des Wortes Yang mich mehr an Schatten und Dunkelheit erinnert.

Ich begegnete Yang in der Person eines jungen Mitpatienten, der für mich die Macht des Dunklen in der Welt symbolisierte. Dieser Mann verkörperte für mich, so lächerlich das jetzt klingen mag, das Böse in der Welt.

Doch warum blickte er so traurig drein? Als er mich schüchtern anlächelte, offenbarte sich mir mit einem Schlag ein neues Weltbild: Dieser tätowierte, auf den ersten Blick Furcht einflößende junge Mann, der für mich die dunkle Seite und Macht des Yang symbolisierte, war traurig und deprimiert. Er war es leid, immer der Bösewicht zu sein, ungeliebt von den Menschen, die nur nach Glück und Erfolg streben.

Er sah mich lange nachdenklich an und meinte dann: „Du, du weißt nun, wer ich bin. Ich gehöre nun mal auch dazu, doch niemand will mich haben. Wenn die Menschen sich nur mit mir versöhnen könnten. Doch immer bin ich der Buhmann. Die Seite Yin hat es leicht, nach ihr sehnen sich alle. Mich stoßen alle ab, obwohl ich genauso notwendig bin wie das Yin.“

In dem Lied „Kontrast“ meiner Lieblingsband Mono & Nikitaman heißt es:

„Weil man liebt und weil man hasst, es geht bergauf und bergab.
Weil man nicht weiß, was Glück ist, wenn man nie Pech hat.
Weil ich auch mal schwach bin, wenn ich denke, ich wäre stark.
Weil jeder von uns mal stark ist und auch jeder mal schwach, liegt die perfekte Harmonie vielleicht im Gegensatz.“

Ich liebe dieses Lied schon jahrelang. Doch die Weisheit, die in diesen Zeilen liegt, wurde mir erst bei dem kurzen Gespräch mit diesem jungen Mann, meinem Yang bewusst.

Vision: Die Melodie des Buddhismus

Mithilfe eines Klaviers und eines Schachbrettes verstand ich die Grundzüge des Buddhismus, obwohl ich mich noch nie mit der buddhistischen Religion befasst habe. Es eröffneten sich mir zwei Gleichnisse mit spiritueller Bedeutung:

Das erste davon fiel mir ein, als ich ein wenig auf dem Klavier herumspielte, das auf unserer Station stand. Wenn man Klavier spielt, braucht man dunkle und helle Töne, schwarze und weiße Tasten. Spielt man nur helle, hohe Töne, wird das nach kurzer Zeit lästig und hört sich nervig an. Besteht die Melodie dagegen nur aus dunklen Tönen, wirkt sie deprimierend. Am spannendsten ist es, wenn man sowohl die dunklen als auch die hellen Töne gleichzeitig und abwechselnd spielt und drückt. Und am leichtesten und harmonischsten ist es, die mittleren Töne zu spielen.

Auf das Leben übertragen: Erlebt man nur gute (helle) Zeiten, kann man sie schnell nicht mehr genießen und Zeiten voller Dunkelheit machen uns traurig. Spannend wird es, wenn man dunkle und glückliche Zeiten erlebt, das Auf und Ab des Lebens. Und würde jetzt jemand auf die Idee kommen, die schwarzen Tasten oder tieferen Töne des Klaviers als böse oder schlecht und die weißen Tasten und hohen Töne als gut zu bezeichnen?

Nein, man sieht es wertfrei. Es ist ja auch nur ein Klavier. Doch spielen wir alle das Musikstück unseres Lebens in jeder Sekunde, die vergeht, auf dem Klavier unseres Lebens. Das Streben nach Perfektion und Glück ist menschlich, und auch ich hasse natürlich Momente der Depression und versinke dann in Selbstmitleid. Wenn man sich aber dieses Klavier des Lebens mit den dunklen Yang- und den hellen Yin-Tönen (wie gesagt: Ich möchte bei meiner Interpretation bleiben) ins Gedächtnis ruft und versucht, nicht zu bewerten und dankbar für ein kontrastreiches Leben zu sein, kann man gestärkt aus dunklen Zeiten hervorgehen. Wer aus einem dunklen Kontext hervorgeht, kann umso mehr strahlen.

Vision: Begegnung mit dem Tod

Während einer anderen Psychose sah ich in einem anderen Mitpatienten die Inkarnation des Todes gesehen. Ich hatte Angst vor dieser Gestalt und wollte vor ihr weglaufen, wahrscheinlich auch, weil ich den Tod so oft schon in depressiven Phasen herbeigesehnt hatte und wohl doch noch nicht für ihn bereit war.

Aber in dieser Inkarnation konnte ich ihn als das erkennen, was er letztlich ist: Ein ruhiger Begleiter unseres Lebens, der immer an unserer Seite weilt, mal präsenter, mal mehr im Hintergrund, ohne uns zu vergessen, ob wir es nun wollen oder nicht.

Ich bin mir mittlerweile sicher: Etwas Böses will er sicher nicht, der Tod. Er gehört zur Ordnung dieser Welt und erfüllt seine Aufgabe. Und wer ihn als Freund und nicht als Feind sieht, vor dem man Weglaufen muss, der söhnt sich mit den Gesetzen des Kosmos aus und verliert ein Stück weit seine Angst vor ihm.

Diese Begegnung führte zu einem Gebet, das ich zusammen mit anderen Patienten in der Psychiatrie ausformulierte:

„Ich bin dem Leben dankbar, mit seinen Fragen und Antworten, die uns geduldig erwarten, mit dem Kontrast freudiger Sonne und traurigem Mond, der Kraft und Energie zwischen Yin und Yang, den Sternschnuppen, die uns die Himmelskörper schenken, der Wechselwirkung von Wasser und Feuer, der Umwandlung von Regen zu Schnee. Ich bin dem Leben dankbar wegen der Schönheit der Natur, die uns unsere höhere Macht geschenkt hat, mit ihren Tieren, Bäumen, Pflanzen und Steinen, dem Sand und der Erde, den Regenbögen, die entstehen, wenn Sonne und Regen sich vereinen, der Luft, dem Wind, dem Sturm. Es ist so schön zu fühlen und zu spüren, Liebe und Freundschaft zu erleben, woraus Beziehung und Familie entstehen. Es ist wunderbar Glauben und Frieden zu realisieren, wodurch es Freiheit und Religion gibt. Gemeinschaft ist etwas Wunderbares und schafft am richtigen Ort zur richtigen Zeit neue Bekanntschaften. Es ist einzigartig zu wissen und zu lernen, mit Gelassenheit zu sehen und zu hören, sensibel Musik, Geschmack und Geruch zu erleben, gesund zu sein oder zu genesen, einfach zu überleben – dafür bin ich dankbar. Einfach ein Dach über dem Kopf zu haben, Essen und Trinken zu bekommen, Struktur zu finden und anzunehmen, Geburt und Tod zu erleben, auch das Schicksal mit seinen Werten und der Moral zu lieben – das bedeutet Dankbarkeit. Einfach sich auf das Wundervolle zu besinnen, das man hat, das heißt Zufriedenheit! Dafür bin ich dem Leben dankbar.“

Was ist Wahrheit, was ist Krankheit?

Ich weiß nicht, inwieweit ich halluziniert oder Wahrheit und Realität mit Krankheit vermischt habe. Ich bin ein gläubiger Mensch und der festen Überzeugung, dass es Dinge gibt, die man sich nicht mit dem Verstand erklären kann.

Für die Ärzte ist eine Psychose eine Krankheit. Für die Schamanen der indigenen Völker wäre sie vielleicht sogar ein Wunder, das Zugänge zu höheren Wirklichkeiten ermöglicht.

Was ist sie für mich? Ich weiß es immer noch nicht. Aber ich glaube, dass ich Dinge halluziniert habe, die aus meinem Unterbewusstsein projiziert wurden. Während dieser Psychosen habe ich um Zusammenhänge gewusst, die mir normalerweise nicht bekannt sind. Ich hatte Zugang zu einem Wissen, das wahrscheinlich jeder von uns in sich trägt, welches aber im Alltag wie in einer Schatztruhe fest verschlossen bleibt. Diese Schatztruhe öffnet sich nur in erweiterten Geisteszuständen, also durch Krankheit oder durch den Einfluss von Drogen.

Also war und bin ich geistig krank oder war und bin ich geistig erweitert?

Die Isolierzelle als Rettung vor Überforderung

Eines hatten die beiden Psychosen gemeinsam: Es waren Erlebnisse, die meinen Geist aufgrund der Reizüberflutung völlig überforderten und mich, wie die Pfleger erzählten, regelmäßig darum betteln ließen, im Beruhigungsraum verweilen zu dürfen.

Der Beruhigungsraum ist ein isoliertes, abgeschlossenes Zimmer, in dem sich ein Fenster, ein Bett und eine Toilette befinden. In dieser Isolierzelle verbringt man völlig alleine einige Stunden oder Tage und hat nur Kontakt zur Außenwelt, wenn man penetrant nach dem Personal klingelt oder sein Essen erhält.

Oft wird ja genau das assoziiert, wenn man an Menschen in einer Psychiatrie denkt: Karge Isolierzellen, in denen völlig verstörte Menschen schreiend und tobend an die Türen schlagen.

Ich war einer dieser Menschen und oft kippte meine Psychose von einer spirituellen Reise in einen Horrorfilm um, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gab. Ich war dabei extrem verwirrt und meist auch nicht mehr ansprechbar. Ich goss mir Suppe über den Kopf, schmierte mich mit Essen voll und zerriss meine Kleidung. Ich habe geschrien, getobt und geweint. Und landete jedes Mal in der Isolierzelle. Ich wollte es so. An Vieles kann ich mich nicht mehr erinnern und bin heilfroh darüber! Und trotzdem: Wenn ich an die Psychosen zurückdenke, erinnere ich mich vor allem an die schönen Erlebnisse.

Das Potenzial einer Psychose

Warum kann eine Psychose zwei so einander gänzlich unterschiedliche Aspekte haben, quasi zwei ambivalente Gesichter?

Ich bin ich fest davon überzeugt, dass die Medizin noch zu wenig über Psychosen weiß und hier noch viel Forschungsbedarf besteht. Ich behaupte weiter, dass jede Manie oder Psychose ein ungeheures Potenzial in sich birgt. Ich habe mein eigenes psychologisches Modell aufgestellt und zwar während einer höchst manischen Phase, was aber nichts daran ändert, dass mir mein Modell auch jetzt noch – außerhalb einer manischen Phase – logisch und stringent erscheint.

Die starke Bewusstseinserweiterung während einer manischen Phase führen aber immer zu einer extremen Überforderung. Gäbe es in Zukunft Medikamente, die das Potenzial einer Psychose ausschöpfen könnten bei gleichzeitiger Hemmung der mit einhergehenden Reizüberflutung, so dass der Betroffene nicht während der Psychose den Verstand verliert, wäre das nach meiner Einschätzung ein medizinischer Fortschritt, der ungeahnte Möglichkeiten eröffnen würde. Meine Hoffnung ist es, diese Entwicklung noch erleben zu dürfen.

***

Nachfolgend kommentiere ich ausgewählte Textstellen:

Text 1:

„Es ist Spinnerei zu behaupten die Krankheit Psychose könnte mehr sein, als das, was sie ist, nämlich eine Krankheit. Der Gedanke Psychose könne irgendein Potential enthalten, ist schlichtweg dumm und entspringt wahrscheinlich deinem psychotischen Gedankengut. Also ist es Teil deiner Krankheit. Wenn du wieder normal wirst, wirst du dies einsehen. Auch die religiösen Wahrheiten, die du zu entdecken glaubtest, würden wohl von Theologen so nicht bestätigt werden.“

Kommentar:

Abgesehen vom stark wertenden Charakter dieser Textstelle ist dies der übliche Denkstil über Psychose seitens der „erlaubten“ Spiritualität, Psychologie und jener Menschen, die ihr Bewusstsein noch nie erweitert haben. Ich habe z. B. 25 Erlebnisberichte von Psychose-Menschen anderen Menschen vorgelegt, die regelmäßig Changa, Cannabis oder DMT rauchen, Bufo machen, Iboga, Salvia, LSD und/oder Psilocybin nehmen. Psychose trifft sozusagen auf Psychedelik.
Ich verschwieg ihnen, dass diese Texte von Menschen stammen, die als psychotisch diagnostiziert worden waren. Ich stellte die Texte vor und fragte, was sie dazu sagen/meinen/denken …

Es kamen Überlegungen, ob die Erfahrung eher DMT- oder Cannabis-initiiert war, ob diese oder jene Erfahrung einem psychedelischen Ego-Tod oder Durchbruch ähnelt, ob hier oder da nicht auch MDMA eine Rolle spiele usw. …

Alle interpretierten die Erlebnisberichte als „Trips“. Als ich eröffnete, dass das Erlebnisse von Menschen sind, die u. a. in psychiatrischen Einrichtungen waren, Berichte von Menschen, die keine Substanzen genommen haben, war der Schock mindestens so groß wie das Mitgefühl: Niemand dürfe „werdende Götter“ in psychiatrische Einrichtungen stecken und sie als „krank“ brandmarken, das wurde als „Sünde“ betrachtet. Das „heilige Gefühl“ der Psychedelik war damit angetastet. Andererseits wollte auch niemand ewig – Wochen oder Monate – durchgehend trippen. So entstand tiefes Mitgefühl.

Damit sei festgehalten: Menschen, die jahrelang psychedelische Erfahrungen haben, betrachten die Erlebnisse von Psychose-Menschen als „Trips“. Man kann vorsichtig ableiten: Die Psychose ist ein intensiverer und länger andauernder Trip, der ebenso bewusstseinserweiternden Charakter hat, wie jeder „gelungene“ Trip auf Substanzen bewusstseinserweiternden Charakter hat.

„Auch die religiösen Wahrheiten, die du zu entdecken glaubtest, würden wohl von Theologen so nicht bestätigt werden.“

Die religiösen Wahrheiten, die Vera Maria zu entdecken glaubte, müssen m. E. auch von niemanden bestätigt werden.

Osho selbst deklarierte sich irgendwann als erleuchtet. Des weiteren Eckhart Tolle. Niemand kam von offizieller Seite her auf Osho oder Eckhart Tolle zu und bestätigte die Erleuchtung.
Nun war meines Wissens nach weder Osho noch Eckhart Tolle je in einer psychiatrischen Einrichtung, was den negativen Blick der psychischen Disposition im spirituellen Sinne erhärten mag, dennoch braucht meiner Meinung nach niemand ein individuelles, spirituelles Empfinden von außen als solches bestätigen. Wer gläubig ist und betet und sich Gott nahe fühlt, braucht für diese Empfindung keinen Theologen, der die Empfindung als gültig oder ungültig einstuft.

Text 2:

Plötzlich hatte ich Ideen und Einsichten, die mir im normalen Zustand, also jenseits der Psychose nicht zugänglich waren. Ich hatte das Gefühl, auf ein Wissen, das tief in mir verankert ist, zugreifen zu können, als würde sich mir eine Schatztruhe öffnen, die normalerweise fest verschlossen war. Plötzlich konnte ich darauf zugreifen, konnte die Truhe einen Spalt breit öffnen und völlig neue Erkenntnisse gewinnen. Einige der Erkenntnisse, die sich mir schlagartig offenbarten, schrieb ich in einem langen Brief an mich selber auf.

Plötzlich wusste ich einfach, dass der Grund meiner Angststörung die Wochenbettdepression meiner Mutter war. Mir gelang das Aufstellen eines Krankheitsmodells, mit den Ursachen für meine Angststörung. Ich habe zwar oft mit Psychologen versucht, die Gründe für meine Angststörung zu finden, doch diese Einsichten, die ich mitten in der manisch geprägten Psychose hatte, waren gänzlich neu und ergaben ungemein viel Sinn.

Nie habe ich im Laufe der Therapie, obwohl ich ja von vielen Psychiatern und Psychologen bereits behandelt worden bin, solche logischen und konsistenten Erklärungen gefunden. Für mich ist das ein weiterer Beweis dafür, dass sich das Bewusstsein während einer Psychose weitet und man tief ins Unterbewusstsein eindringen kann, und dort auf sonst verborgenes Wissen zugreifen kann.

Kommentar:

Darin zeigt sich für mich der heilende Effekt der Bewusstseinserweiterung. Eben das geschieht auch durch Substanzen. Das hat Timothy Leary beschrieben, u. a. Stanislav Grof und auch Terence McKennas erstes LSD-Erlebnis löste einen großen Konflikt mit seinen Eltern. Dieser Effekt tritt nicht bei jedem und auch nicht immer auf, der Substanzen nimmt, aber es geschieht.
Mehr zu den spannenden und außergewöhnlichen Erfahrungen unter bewusstseinserweiternden Substanzen siehe Stanislav Grof: „Wenn Unglaubliches passiert“: Buchtitel rechts verlinkt.

Text 3:

Ich weiß nicht, inwieweit ich halluziniert oder Wahrheit und Realität mit Krankheit vermischt habe. Ich bin ein gläubiger Mensch und der festen Überzeugung, dass es Dinge gibt, die man sich nicht mit dem Verstand erklären kann.

Für die Ärzte ist eine Psychose eine Krankheit. Für die Schamanen der indigenen Völker wäre sie vielleicht sogar ein Wunder, das Zugänge zu höheren Wirklichkeiten ermöglicht.

Was ist sie für mich? Ich weiß es immer noch nicht. Aber ich glaube, dass ich Dinge halluziniert habe, die aus meinem Unterbewusstsein projiziert wurden. Während dieser Psychosen habe ich um Zusammenhänge gewusst, die mir normalerweise nicht bekannt sind. Ich hatte Zugang zu einem Wissen, das wahrscheinlich jeder von uns in sich trägt, welches aber im Alltag wie in einer Schatztruhe fest verschlossen bleibt. Diese Schatztruhe öffnet sich nur in erweiterten Geisteszuständen, also durch Krankheit oder durch den Einfluss von Drogen.

Kommentar:

Was hier m. E. zu verstehen ist, ist, dass Halluzination mit „Einbildung“ und Irrealität und Krankheit gleichgesetzt wird. Das Deutungsschema ist negativ. Auch der Begriff „Psychose“ ist negativ.
Terence McKenna nannte eine seiner Publikationen „Wahre Halluzinationen“. Damit wird der Halluzination „Wahrheitsgehalt“ zugebilligt. Die Aussprüche „Das bildest du dir ein!“ oder „Du halluzinierst doch!“ markieren das Verrücktsein, weil andere Menschen diese „Wahrheit“ nicht sehen und erfassen können.

Ist nun die Spirituelle Szene untereinander so sehr „gespalten“ wie die esoterische und psychologische, sind sich doch alle i. d. R. einig, wenn es um Pathologisierungen seitens der Psychologie geht: Psychose, Wahn und Schizophrenie sind krank! Da ist nichts Spirituelles dran!

(Diesem Denken war – das gebe ich zu – auch ich bisweilen unterworfen, auch wenn ich dezenter oder neugieriger diesbezüglich war. Nur: Meine Meinung in dieser Causa habe ich geändert, weil ich sie ändern musste. Mir blieb aufgrund der Einblicke, die mir über 25 Psychose-Menschen gaben, nichts anderes übrig. Auch mein Mitgefühl, was da mit „werdenden Göttern“ geschieht, wuchs ins Unermessliche. Dass diese Menschen sich selbst als „krank“ betrachten müssen, spricht nicht für eine aufgeklärte, moderne und mitmenschliche Gesellschaft. Hierzu seien die Publikationen von Birigit Waßmann empfohlen – am Ende des Artikels verlinkt.)

Es ist m. E. heikel, wenn der Denkstil „Entweder oder“ lautet, egal, in welcher Fragestellung. Richtiger und weiser ist es, „Sowohl als auch“ zu denken.

Das heißt: Man kann die Dunkle Nacht der Seele und/oder ein Kundalini-Erwachen entweder als eine Mini-Psychose betrachten, die in ihrem bewusstseinserweiternden Aspekt nicht so fordernd ist, dass sich das Ich verliert – auch wenn auch hier ein „Ego-Crash“ geschehen kann – , oder man betrachtet sie als „High-Level-Spiritualität“, die nur gewisse Menschen erreichen. Der Denkstil ist im ersten Fall einschließend, im zweiten Fall ausschließend, im ersten Fall aufgrund der Pathologisierung abwertend, im zweiten Fall aufwertend bis „arrogant“.

Bleibt man beim einschließenden Denkstil, so gibt es – als vorläufiges Modell – auf der Basis transzendentale Erfahrungen, mit denen ein Mensch umgehen kann. Diese Erfahrungen reichen von Energie-Empfindungen, außerkörperlichen Erfahrungen, Visionen, Mystik, paranormalen Fähigkeiten bis hin zu interdimensionalen Gesprächen mit Außerirdischen und Elfen – wenn man so will. Auf der Pyramiden-Spitze steht allerdings die „Psychose“ in allen Aspekten, auch dissoziative Zustände, die ich fortan Bewusstseinsverschiebung nennen möchte. Psychose ist noch einmal „mehr“. Sie ist keine Erschütterung des Ichs, kein bloßer Energie-Input, sondern so überwältigend, so viel, dass sie nicht mehr integriert werden kann. (Das Entsetzen, das Vera Maria erlebt hat, möchte vermutlich niemand erleben. Zum Negativen später mehr.)

Über die Negativ-Konnotierung der Psychologie entsteht im Fall Vera Marias und bei den meisten aus den 25 Menschen, die ich befragt habe, bei Abklingen der „Psychose“ größte Unsicherheit. Sie haben erlebt, was sie erlebt haben. Nicht alles daran war schlecht, vieles daran war schön und bewusstseinserweiternd. Trotzdem klebt das Psychose-Etikett darauf und sie fragen sich, ob das alles wirklich „krank“ war. Die Psychologie und Gesellschaft nötigt diese Menschen, sich als krank zu betrachten. Alleine das ist m. E. nicht nur in humanistischer Hinsicht reaktionär, sondern mehr als misanthropisch – für die betreffende Person in jedem Fall selbstwertschädigend. Aus spiritueller Sicht ist es „grausam“.

Ich wünsche Vera Maria, dass sie die Kraft findet, sich von den Negativ-Programmierungen der Psychologie und ihrer Terminologie zu distanzieren. Sie ist aus meiner Sicht nicht krank, sie lebt nur in einer Epoche, in der sich die Psychologie anstelle der Religion gesetzt hat – um mit den Worten des Sozialwissenschaftlers Albert Krölls zu sprechen. Was früher die Religion aus den Menschen machte, macht heute die Psychologie. (Zuviel Gläubigkeit ist infantil.) Wer sich näher mit Psychologie-Kritik beschäftigen möchte, dem sei rechts verlinktes Buch empfohlen.

Filme vom Regisseur M. Night Shyalaman, siehe The Sixth Sense, Split und Unbreakable, können als Psychologiekritik begriffen werden, insofern psychische Dispositionen als Talente und Fähigkeiten gewertet werden, die in dieser Gesellschaft nicht „bestehen“ dürfen. In diese Richtung weisen auch Superhelden-Sujets: Der Superheld hat eine bestimmte Fähigkeit, die er erst selber für sich zu akzeptieren und nutzen lernt. Damit ist er gesellschaftlich jedoch ein Außenseiter. Die Regierungen „jagen“ Mutanten, akzeptieren sie nicht und so weiter und so fort …

Zum Negativen, was Maria erlebt hat

Die Negativ-Aspekte während einer Psychose – respektive Bewusstseinsverschiebung – sind für die betreffende Person mehr als belastend. So sehr die Methoden der Psychologie und die Methoden der Psychiatrie zu kritisieren sind, so wertvoll ist es jedoch, dass es Hilfe gibt. Neuroleptika können viel bewirken und die Symptome mildern. Das Entsetzen, das Vera Maria erlebt hat, ist leidvoll. Auch darf es natürlich nicht sein, dass ein Mensch mit Paranoia mit dem Messer auf andere losgeht, weil er sich von ihnen bedroht fühlt. Auch darf es nicht sein, dass ein Mensch in der Psychose die Katze aus dem Fenster wirft, weil er denkt, sie wäre der Teufel.
Da ist m. E. eine Grenze erreicht und überschritten und selbstverständlich sollte hier eingegriffen werden.

Dass aber auch Bewusstseinsverschiebungen, die keine Selbst- oder Fremdgefährdung mit sich bringen, generell pathologisiert werden, mit oder ohne Positiv-Aspekte, lässt tief in Wissenschaftsgläubigkeit und Unkultur blicken. Vor über 100 Jahren postulierte Edmund Husserl, dass es keine Sinneseindrücke sondern Sinnesausdrücke gibt. Die Objektivität der Wissenschaft war damit infrage gestellt. Wenn man hinzurechnet, wofür Forschungsgelder ausgegeben werden und warum und in wessen Interesse … Tja.
Seit dem zweiten Weltkrieg haben sich „Pathologien“ als „Pathologien“ festgesetzt.
Psychiatrische Einrichtungen sind systemimmanent.
Aus psychiatrischer Sicht ist jedwede spirituelle Komponente – bzw. gewöhnlich erlebte Spiritualität, auch wenn sie keinen Leidensdruck erzeugt – pathologisch: Mediale Kundgaben (Stimmen-Hören), die außerkörperliche Erfahrung, das Sehen der Aura oder das Sehen von Energielinien, energetische Empfindungen, Kontakt zu Verstorbenen usw. All das ist aus psychiatrischer Sicht „behandlungswürdig“. Auch ein Kundalini-Erwachen wird bei Unkenntnis des Erwachenden, der psychologische Hilfe in Anspruch nehmen möchte, i. d. R. als Psychose gewertet. Hier darf sich jeder selbst eine Meinung bilden.

Spiritualität ist tausende Jahre alt. Psychologie ist wenige hundert Jahre alt, bzw. hat sie sich seit dem 18. Jahrhundert etabliert.

Ich kann alle, die irgendein Stigma mit sich tragen, das sie von Psychiatrischer Seite auferlegt haben, nur bitten, tief in sich zu horchen. Irgendein Teil weiß ganz genau, ob es „krank“ war oder nicht. Das heißt nicht, dass Medikamente generell verworfen werden sollten, sondern nur, dass dem eigenen Gefühl vertraut wird. Und wenn das negativ besetzte Psychose-Wort mit „Bewusstseinsverschiebung“ ersetzt wird, ist ein erster Schritt getan.

Zwischen Psychose, Psychosomatik und Spiritualität

Ähnlich wie ich sieht es FA Kurt Gemsener, Facharzt für Psychosomatische Medizin, der seinem Bericht zufolge in einen ähnlichen Konflikt gekommen ist, wie ich. Er hat sich bemüht, die Psychose anders zu betrachten. In manchen Punkten weicht er von meiner Anschauung ab, dennoch freut es mich, dass er sich des Themas angenommen und darüber reflektiert hat.

Ich zitiere aus dem Text „Zwischen Psychose, Psychosomatik und Spiritualität“ :
Quelle: Kurt Gemsener – Link

„Psychose als Erscheinungsform eines kritisch veränderten Bewusstseins In: Gestalttherapie 1/90, S. 32-43

In dem folgenden Beitrag geht es mir um die Entwicklung eines Modells, welches das psychotische Erleben als Ausdrucksform eines (kritisch) veränderten Bewusstseins versteht. Dieses veränderte Bewusstsein gehört in diesem Denkmodell der gleichen Erlebenstiefe an, die auf der Reise der Selbsterforschung unter Einbeziehung der perinatalen und transpersonalen Erlebensräume entdeckt werden kann. Es geht darum zu verstehen, wann der Erlebensstrom als integrierter Zustand veränderten Bewusstseins erscheint und unter welchen Bedingungen eine psychotische Erlebnisproduktion resultiert, und dass folglich Übergangszustände existieren.

1. Die Erschütterung des schulmedizinischen Krankheitsmodels in meinem Erleben 1.1.

Der Widerspruch das im Folgenden Dargestellte gründet auf zwei sehr unterschiedlichen Erfahrungsbereichen. Der eine Bereich ist die Erfahrung in der institutionellen Psychiatrie, der andere Bereich ist eine Gestalt- und danach eine körpertherapeutische Ausbildung und die damit verbundene (Selbst) Erfahrung. In dieser Aufteilung ist recht bald für mich ein Spannungsfeld erschienen : In der Gestaltarbeit geht es um Kontakt, um Emotion, um Öffnung, um Vertiefung des Erlebens, um Begleitung eines sich zwischen Klient und Therapeut entwickelnden Prozesses, dessen Entfaltung idealerweise eben gerade nicht durch vorgegebene Denkstrukturen blockiert werden soll. Eher werden vorhandene Denkstrukturen hinterfragt hinsichtlich ihrer Tauglichkeit, den fliessenden Prozess zu begleiten. Ja, als Gestalttherapeuten versuchen wir geradezu spontane Bereiche der Persönlichkeit zu aktivieren. In meiner täglichen psychiatrischen Arbeit habe ich nun aber die Erfahrung machen müssen, dass genau das Gegenteil von mir im Vollzug des schulmedizinischen Krankheitsverständnisses erwartet wurde. Hier geht es in erster Linie um Beherrschung der (psychotischen) Symptome. Erregung ist sozusagen ein psychopathologischer Begriff, und die Wirkung der Neuroleptika ist abzulesen am Verschwinden der zuvor als Symptome einer Krankheit definierten Phänomene. In der Gestaltarbeit dagegen lernte ich zur gleichen Zeit Techniken, um „excitement“ zu fördern, und lernte Unterstützung und Vertrauen in meinem eigenen spontanen emotionalen Prozess zu finden. Die Haltung der meisten Psychiater ist dagegen, dass ein aufdeckendes Verfahren wie die Gestalttherapie im Falle von Psychose oder Psychosegefährdung kontraindiziert ist. Es gibt also einerseits eine (psychiatrische) Haltung, welche das Verschwinden bzw. Verringern der Symptome zu ihrem Ziel erklärt, während andererseits die (gestalttherapeutische) Haltung, die dem Prozess folgt, die vorübergehende Verschlechterung der Symptome durchaus in Kauf nimmt, sofern der Klient sich für diesen Weg entschieden hat.“

„Was von Kritikern als Zeichen einer Geisteskrankheit gewertet wurde, ist m. E. zu verstehen als das Eintauchen in ein transpersonales Feld. Vermutlich wusste Jung 1916 noch nicht um die Notwendigkeit, die Eindrücke aus diesem Feld nicht mit der Alltagswelt zu durchmischen. Dennoch gelang es ihm, durch die Niederschrift der „Sieben Reden an die Toten“ in den drei auf den „Zusammenbruch“ folgenden Nächten enorm viel kreatives Material aus diesem Zustand mitzubringen, welches die Nähe des Jungschen Denkens zur Philosophia perennis begründet. Es existieren also fließende Übergänge zwischen Integration und Desintegration eines kritisch veränderten Bewusstseinszustandes. Das was uns klinisch als „psychotisches“ Phänomen beeindruckt, gehört demselben Bewusstseinskontinuum an wie z. B. die Erfahrung des bekannten amerikanischen Mediums Jane Roberts u. a., bei denen diese Erfahrung gut integriert erscheint.“

Weiter im Text unter „Zwischen Psychose, Psychosomatik und Spiritualität“ – siehe Link, frei zugängliche PDF-Datei.

Ich denke, ich spreche für alle (meine) Leser, dass es ein Lichtblick ist, dass FA Gemsener Jane Roberts erwähnt. Diese Offenheit stünde m. E. auch vielen anderen Ärzten gut. Wie ich schon sagte: Der Denkstil „Sowohl als auch“ dürfte die Rettung in dieser Causa sein.

Weiterführende Literatur zum Thema:

Birgit Waßmann: Spirituelle Krise oder Psychose? – Buchlink
Birgit Waßmann: Psychotische Grenzerfahrungen: Die übersinnliche Seite seelischer Erkrankungen – Buchlink
Christian Scharfetter: Das Ich auf dem spirituellen Weg: Vom Ego-Zentrismus zum Kosmozentrismus – Buchlink

    

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24 Gedanken zu „Verbotene Spiritualität: Die Magie der Psychose“

  1. Ich habe eine sehr gute Erinnerung an meine Psychosen, wenn sie nicht gerade durcch Benzodiazepine gestört wird. Ich habe einen Erfahrungsbericht geschrieben, damit Außenstehende ein Gefühl dafür bekommen können, wie eeishc eine Psychose anfühlt. Dafür habe ich ein Stilmittel erfunden, nämlich, den Tet einzufärben. Aber seht selbst:

    https://www.oneironauten.de/2019/09/17/liebe-deinen-n%C3%A4chsten-nicht-wie-dich-selbst-liebe-dich-wie-deinen-n%C3%A4chsten/

    Tanja, du scheinst gute und viele Kontakte zu Psychotikern zu haben. Ich träume von einem Forum, in dem sie sich austauschen können, indem sie obige Erfahrungsberichte miteinander teilen. Das würde Wissenschaftlern auch ermöglichen, diese Zustände nicht pathologisierend zu erforschen und Angehörige würden mehr Verständnis bekommen. Könntest du den Kontakt herstellen, und die werdenden Götter ermutigen auf meiner Webseite ähnliche Erfahrungsberichte mit genau diesem Stilmittel der Texteinfärbung zu schreiben? Wenn genug zusammenkommen, kann man ja nochmal über ein Forum nachdenken. Danke! 🙂

    1. Hallo Uwe!

      Lieben Dank für deinen Kommentar! 🙂

      Ich habe deinen Bericht über deine psychotische Episode gelesen. Du beschreibst es humorvoll und ich musste ein paar Mal laut lachen.

      Es freut mich, dass du den Mut hast, offen darüber zu schreiben. Die Idee mit den farblichen Markierungen ist hervorragend.

      Ich finde auch deine Entwicklung und deinen Werdegang spannend.

      Es gibt auf Facebook viele Gruppen, in denen sich Menschen mit Schizophrenie/Psychose vernetzen. Es gibt also schon so etwas, wie ein Forum. Sie sind dort gut vernetzt, tauschen sich über Erfahrungen, psychiatrische Einrichtungen und Medikamente aus. Aus diesem „Pool“ habe ich meine Interviews gezogen.

      Ich drück dich!

      Tanja

      1. Hallo Tanja,

        wir haben 2017 im Spätsommer mal telefoniert. Erinnerst du dich? Damals war ich noch ein Schlafschaf und habe abfällig über deine Engelserfahrungen geurteilt. Zwei Psychosen und einen weltweiten Putsch der Satanisten später bin ich klüger. Lass uns nochmal telefonieren!

        Schön, dass dir mein Bericht gefällt. So soll es sein!

        Ich spüre, dass wir uns viel zu sagen hätten!

        1. Hallo Uwe!

          Daran erinnere ich mich gut! 🙂 Du hast inetwa gemeint, mein Bericht wäre „crazy“ … 😉

          Dann haben wir über Paul Tholey und Kaleb Utecht gesprochen.

          Ich mag es sehr, wie du über deine „Bewusstseinsverschiebung“ – ich mag nicht Psychose dazu sagen – schreibst.

          Soviel Humor! Aber auch Ernsthaftigkeit.

          Herzlichst,

          Tanja

  2. Liebe Tanja,
    hier meine versprochene Reaktion :
    Diese Frau hat tiefe Einblicke bekommen, absolut wahr. Und ja, vielleicht gerade durch diese Psychose, die, wie Du meinst, ähnlich wie Drogen wirkt. Da kann ich nicht mitreden.
    Heute wird in der Psychatrie noch ähnlich gedacht wie zu Freud`s Zeiten, vielleicht nicht mehr ganz so dillitantisch. Aber sehr wirkungsvoll sind die Methoden nicht, außer wenn es darum geht, Menschen zu beruhigen. Das weiß ich, weil ich in einer Wohngemeinschaft gearbeitet habe, in der Menschen mit besonderem Bedarf lebten.
    Auf alle Fälle wird diese Frau die Erkenntnisse mit in ein neues Leben nehmen, welches dann sicher besser als Dieses verlaufen wird.
    Liebe Grüße
    Ulla

    1. Liebe Ulla,

      lieben Dank für deinen Kommentar. 🙂

      Ja, Maria Vera hat tiefe Einblicke erhalten.

      Ich danke dir für die Rückmeldung und deinen Erfahrungswert hierzu.

      Herzlichst,

      Tanja

  3. Danke, liebe Tanja, für diesen wertvollen Beitrag!

    Ich möchte deinen Text hier noch um ein paar Hinweise ergänzen, die meine Kontakte in den englischsprachigen Raum betreffen:

    Im englischen Sprachraum hat sich besonders in Bezug auf die von Maria Vera erlebten bipolaren Störungen der Begriff „bipolar awakening“ etabliert. Allen voran ist hier die Arbeit von Sean Blackwell (und seiner Frau Ligia Splendore in Brasilien) zu erwähnen, der selbst Anfang der 90er-Jahre wegen einer manisch-psychotischen Episode kurzzeitig psychiatrische Erfahrungen gemacht hat und seitdem Begleitung und Retreats für Menschen anbietet, die Ähnliches erlebt haben:
    http://www.bipolarawakenings.com

    In England engagiert sich Katie Mottram unermüdlich in ihrem Emerging-Proud-Projekt um die Umdeutung psychischer Stresserfahrungen in positive Wachstumserfahrungen. http://www.emergingproud.com

    Bemerkenswert finde ich hier auch die Aktivitäten von ACISTE in New York, die sich mit der Integration von spirituellen Transformationserfahrungen aller Art beschäftigen und Schulungen für Fachpersonal anbieten, um hier ein Umdenken zu ermöglichen. http://www.aciste.org

    Mit herzlichem Gruß
    Marianne

    1. Liebe Marianne,

      herzlichen Dank für deinen Kommentar! 🙂

      Lieben Dank auch für die Verlinkungen und weiterführenden Informationen.

      Es freut mich, dass es offenbar einen Gesinnungswandel gibt.

      Herzlichst,

      Tanja

    2. Hallo Marianne,

      danke für die Links. Hab mich heute den ganzen Tag durchgearbeitet. Der Sean scheint mir suspekt. Jemanden, der Corona und den Klimawandel ernst nimmt, kann ich nicht mehr ernst nehmen. Vielleicht bin ich da zu streng, aber ich kann nicht über meinen Schatten springen.

      Der zweiten Organisation habe ich geschrieben und mich bei der dritten im Forum angemeldet.

      Ich sehne mich so sehr nach Heilung… Ich würde mein Hab und Gut hergeben und um die Welt reisen dafür. Ich würde Jahre investieren, aber ich weiß nicht, wie und wo ich anfangen soll.

      1. Hallo Uwe,

        Sean scheint vor allem für viele Menschen, die unter dem Stichwort „bipolare Störung“ psychiatrisiert worden sind, ein „Segen“ zu sein, weil er eine völlig andere Deutung für die Erfahrungen anbietet, die er „bipolar awakening“ nennt.

        Herzliche Grüße
        Marianne

        1. Ich gehe davon aus, das bipolare Störung und schizoaffektive Störung die gleiche Krankheit mit zwei Namen ist. Wird unterschiedlich medikamentiert, ist aber in meiner Welt dasselbe. Insofern könnte mir Sean vielleicht helfen. Allein mir fällt es schwer jemanden ernst zu nehmen, der auf Corona hereinfällt.

  4. Die Veröffentlichungen / Beiträge von Vera Maria verfolge ich schon eine Weile und habe sie gelegentlich auch kommentiert.

    Meine eigenen Erfahrungen in diesem großen thematischen Bereich sehen so aus:

    Geboren 1947 in Hamburg, wurde ich mehrfach traumatisiert – vor allem 1952 und 1954 – wie ich 54 / 57 Jahre später beim Loslassen / Abweinen (Herausschreien- / brüllen) der abgespaltenen Gefühlsenergien deutlich erkannte. Die traumatisierenden Handlungen kiamen mir parallel zum Herausschreien der Gefühle ins Bewußtsein. Das jeweilige Schreien (etwa wie in den Büchern von Arthur Janov – z.B. „Der (neue) Urschrei“ – beschrieben) war nicht Folge einer bewußten Entscheidung meinerseits oder therapeutischer Bemühungen, sondern „überfiel“ mich in einer Phase relativen Friedens, nachdem ich Jahrzehnte zuvor in Streß gelebt hatte.

    Schon die Schulzeit war belastend – u.a. weil ich abends schwer ins Bett bzw. zum Schlaf fand und morgens schlecht heraus. Intensiv rationale / intellektuelle Leistungen fielen mir schwer. Regeln der Sprache und Mathematik mir zu merken, machte mir große Probleme, während ich ein gutes Sprachgefühl hatte; nicht nur im Deutschen, sondern auch für Englisch.

    In der Pubertät hörte ich mehrfach (geschätzt: 3 mal) meinen Vornamen rufen, ohne einen irdischen Rufer erkennen zu können. Erst 40 Jahre später hörte ich von einer Geschichte in der Bibel, die dieses Phänomen beschreibt und nahelegt, daß Gott seine Kinder bei ihren Namen ruft (wenn die Zeit gekommen ist).

    In diesem Alter war ich auch gewissermaßen „hellsichtig“: Es kam mehrfach vor, wenn ich in der Wohnung meiner Herkunftsfamilie war, daß ich aufgrund eines inneren Impulses zur Wohnungstür ging und diese öffnete. Dabei zeigt sich, daß entweder jemand schon direkt vor dieser Tür stand und noch nicht geläutet hatte oder vor der Haustür stand – was ich von der Wohnungstür im Parterre aus durch das Glas in der Tür sehen konnte – oder sich noch auf dem Weg zur Haustür befand.

    Auch meine Mutter hatte solche Fähigkeiten. Sie „ahnte“ vor allem Besuche ihrer Mutter. Diese wiederum hatte phasenweise anderen Menschen gegen Geld oder Naturalien die Karten gelegt, also die Zukunft vorhergesagt. Das tat sie jedoch nicht wirklich gern, weil sie es belastend fand – besonders, wenn sich negative / „unangenehme“ Ereignisse andeuteten. Ein einziges Mal hat sie auch mir auf mein Bitten hin die Karten gelegt – und ein positives Ereignis in naher Zukunft zutreffend vorausgesagt; dann aber die Sitzung abgebrochen, weil sich etwas „unangenehmes“ ankündigte.

    Das Unangenehmste in meinem Leben waren die Suizide meiner beiden Brüder 1987 und 1992. Das Ereignis 1987 verursachte mir selbst eine schwere psychische – incl. suizidale – Krise, an deren Höhepunkt ich die Stimme des 2 Tage zuvor Verstorbenen hörte, die mir vom Suizid abriet mit der Begründung: „Bleib noch da, du hast noch etwas zu tun“.
    Ich blieb.

    Nach gut 2 Jahren ging es mir wieder wie früher; nach 3 Jahren besser als je zuvor (!). Ich fragte mich, wie das sein könne. Dann hatte ich 1991 die intuitive Erkenntnis, daß die Zivilisation kein wahrer Fortschritt sei, sondern eine Art Degeneration / Krankheit – was ich bei Nachforschung in der Zentralbibliothek mehrfach bestätigt fand.

    Nach dem Suizid des anderen Bruders bekam ich Angst vor einem ähnlichen Schicksal und begann sehr intensiv zu suchen.

    Dabei stieß ich 1994 auf den Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE), wurde Mitglied und Mitgründer des Hamburger Landesverbandes (LPE), wo ich mich die folgenden 20 Jahre intensiv
    engagierte und die „Szene“ von allen Seiten kennenlernte.

    1997 schied ich wegen „Depression“ („burn out“) aus dem Berufsleben aus und hatte viel Zeit, als früherer Kaufmann und Betriebswirt, mich mit dem Thema „Psychiatrie“ / „Seelische Gesundheit“ deutlich vertrauter zu machen – als Vorstand und Sprecher des LPE und als Redakteur der LPE-Zeitschrift, als Referent bei Kongressen, Schulungen, Öffentlichkeitsveranstaltungen und Vorträgen in der Uni:
    1: zur Symbolik religiöser Wahrnehmungen in psych. Krisen
    2: Zu Angst und ihrer Überwindung.

    Meine umfassende Kritik an der Psychiatrie schrieb ich 2002/2003 – sie wurde in Nr. 1/2005 der „Sozialpsychiatrischen Informationen“ veröffentlicht unter dem Titel“Lieben Sie Ihre Patienten?“

    Nachdem ich einige Male öffentlich auf die m.M.n. wesentliche Ursache der psychischen Störungen und die Probleme (mit) der Psychiatrie hingewiesen hatte, wurden der LPE und ich an weiteren öffentlichen Auftritten gehindert und ich zudem zur persona non grata gemacht. Schließlich mobbten mich meine Vorstandskollegen aus dem Verein – u.a. mit Hilfe des Vorwurfs der Untreue und einer Strafanzeige sowie einer Zivilklage. Dann kündigte auch der BPE mir die Mitgliedschaft.
    Ich fürchte, das Profi-System hat entsprechend Druck auf die Vorstände ausgeübt.
    Daß die Wahrheit mit aller Macht unterdrückt, ignoriert, geleugnet, verfälscht, usw., wird, war mir schon vorher klar – sowohl aus der entsprechenden Literatur, als auch aus dem praktischen Erleben.

    Die zivilisierte Gesellschaft ist schwer neurotisch gestört. Und das heißt, die Befallenen sind relativ abgetrennt von der spirituellen Seele, dem Wesenskern des Menschen – durch ungeheilte Traumatisierungen / seelische Verletzungen (Überforderung, Vernachlässigung, u.ä.). Dieser Mangel ist das (DAS) „Übel“ / „Böse“, wie es im „Vaterunser“ der Bibel hieß / heißt, bzw. die „(Erb-)Sünde“.

    Fortsetzung folgt!

    1. Fortsetzung zu meinem durch mich unterbrochen Kommentar von gestern, 24. Juni, 13.40 h:

      In der deutschen Sprache wird das Phänomen neuzeitlich „(Die) Krankheit der Gesellschaft“ genannt und ist in der Soziologie meist unter dem Namen „Kollektive Neurose“ geläufig; jedoch wird von den allermeisten die wahre Tiefe / Tragweite des Phänomens und Problems nicht erkannt.

      Neurose verstehe ich als den Zustand der ungeheilten Traumatisierung, bei dem die spirituelle nichtmaterielle Seele sich in einer Art „Rückzug(shaltung)“ befindet, die typisch ist für – vor allem junge – Lebewesen. Und die Seele ist DAS Lebe(ns)-Wesen in uns. Solange es noch nicht bewußt – gemacht – wurde (und es seine Beschaffenheit / Qualität / Potenziale usw. nicht kennt) kann man es verschrecken.
      Heilung ist möglich durch reine, bedingungslose, Liebe.
      Das Kind ist auf die Gewährung dieser Liebe durch andere Menschen angewiesen. In heilen / wahren Kulturen – was die Zivilisation nicht mehr ist (!) – bleiben die allermeisten Kinder zu irgendeinem Zeitpunkt an einem Trauma, das keine Heilung findet, „hängen“ – wobei die seelische und ganzheitliche Entwicklung ins Stocken / zum Halten kommt.

      Passend dazu eine Stelle aus dem Johannes-Evangelium:
      „… hat ihre Augen verblendet und ihre Herzen verstockt, auf daß sie nicht sehen und ich sie heile.“

      Das Eintreten einer Traumatisierung wird auch beschrieben in der Geschichte „Sodom und Gomorrha“ mit der Darstellung, daß die Frau des Lot beim Zurückblicken „zur Salzsäule erstarrt“.

      Das kollektive Phänomen ungeheilter Traumatisierung(en) / Neurose(n) wird einerseits dargestellt im „Tanz um das goldene KALB“ (Verherrlichung / Anbetung der pathologischen Unreife / Unweisheit) und andererseits durch die Aussage des Christus Jesus „Laß die Toten ihre Toten begraben …“.

      In der kollektivneurotischen Gesellschaft sind die „Erwachsenen“ nicht wahrhaft erwachsen (Erich Fromm). Das liegt an der Entfremdung von der früheren wahren / heilen Kultur. Der wichtigste / wesentliche Aspekt solcher Kulturen war / ist der Kult des „Aufstiegs“, der „Verwandlung“ / Einweihung / zweiten Geburt, usw. – der Aufstieg zur höheren Bewußtseins- / Seins-Ebene.

      „Neurotisch verwahrlost(e Kinder) nennt Christa Meves diese Menschen in ihrem Buch „Manipulierte Maßlosigkeit“.

      Heilung ist immer möglich.
      Das Potenzial dazu trägt jeder Mensch lebenslang unverlierbar bei sich.
      Das wissen sie nur nicht. Weil keine gesellschaftliche Institution darüber aufklärt.
      Vor allem die Kirche nicht – obwohl sie den Heiligen Schriften doch so nah ist^^
      und die Wissenschaft tut es auch nicht.

      Der Leiter einer größeren Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie sagte in einer Planungsgruppe:

      „Wir haben es hier mit der Psyche zu tun; die Seele gehört der Kirche.“

      Was tut die „Kirche“ gegen die massenhafte (Grund-)Störung der Seele?

      Oder sollte man besser fragen, was die „Kirche“ zur Ausbreitung und Vertiefung der Kollektiven Neurose getan hat?

      Die „Bibel“ jedenfalls scheint mir an entscheidender Stelle verfälscht:
      Adam und Eva können nicht die „ersten Menschen“ (gewesen) sein – denn sie zeigen deutlich zahlreiche Symptome der zu Lebzeiten jeweils erworbenen Neurose.
      Vor diesem Typ Mensch, der durch Adam und Eva symbolisch / stellvertretend dargestellt wird, muß es einen anderen, gesunden, Menschen(typ) gegeben haben, von dem eine Gruppe, ein evtl. sehr kleines Kollektiv (eine Gruppe von Kindern?) einer kollektiven Traumatisierung zum Opfer fiel.

      Und tatsächlich gibt es abseits von der Adam und Eva-Geschichte eine Legende über Adam und LILITH, in der man mit Verständnis der „Sprache Gottes“ das Eintreten der (kollektiven) Neurose finden kann. Darin heißt es, daß mit Lilith (die die Seele darstellt) eine „Veränderung“ geschah, daß sie „verschwand“ und als „Dämon“ tätig wurde.

      Die „Verführbarkeit“ (Schwäche) von Adam und Eva ist eine Folge dieser „Veränderung“.

      Nach der „Tat“ (Frucht vom verbotenen Baum zu essen) „bedeckten“ und „versteckten“ sich Adam und Eva. Das deute ich als Hinweis auf typisch neurotische negative Gefühle: Angst, Schuld- und Schamgefühl.

      Kurz gesagt: Die allermeisten sogenannten „Krankheiten“ bzw. „Störungen“ sind im Grunde – „nur“ – verschiedene Symptome / Symptomatiken der Neurose, des Rückzugs der Seele und damit des Mangels an Seelen-Potenzial (Energie und Information).

      Zum Thema „Angst“:
      Angst ist ein Anzeichen von Mangel an Seelen-Potenzial.
      Bei Kindern ganz natürlich; als dominierende / beherrschende Angst bei Erwachsenen pathologisch.
      In heilen / wahren Kulturen lernen die jungen Menschen im Zuge des Erwachsenwerdens, Angst zu überwinden.

      Der psychiatrische Diagnoseschlüssel enthält – speziell bei den schizophrenen und weiteren psychotischen Störungsbildern sowohl Symptome des Krankseins als auch des Gesundseins bzw. Strebens nach dem Gesunden.
      Über viele Jahrtausende haben sich die zivilisierten Menschen darin trainiert, hauptsächlich die linke Hirnhälfte zu nutzen – wobei die rechte Seite vernachlässigt wurde. Wenn nun ein Mensch in der Gesellschaft durch irgendwelche Probleme überfordert / ausgelaugt ist, merkt er / sie das primär an Leistungsverlust der linken Hinrhälfte, des „rationalen“ Denkens“, des Intellekts, usw. – und das führt ihn – wieder – näher an den anderen Teil seiner selbst.

      Der (mehrheits-)normale Psychiater ist nicht gesund – und weiß es in aller Regel nicht. Er hält die kranke (Mehrheits-)Normalität der Zivilisation für „Gesundsein / Gesundheit“.

      Helmut Schmidt hat mal gesagt:
      „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“
      Korrekt wäre: Wer KEINE Visionen hat, sollte stutzig werden und sich um Heilung bemühen.

      Wer keine Ahnungen, Eingebungen, intutive Erkenntnisse hat bzw. wer keine „Führung“ (von oben) spürt, keine „Fügungen“ erlebt, usw., ist schwer gestört; „von allen guten Geistern verlassen“.

      Psychose-Inhalte sind, genau wie Träume und andere Wahrnehmungen, niemals nur „krank“ oder „sinnlos“. Die allermeisten Menschen der Zivilisation sind aufgrund der neurotischen Entfremdung / Abtrennung nur nicht in der Lage, die enthaltene Symbolik zu erkennen bzw. richtig zu deuten.
      Folglich möchten die Psychiater typischerweise mit solchen Dingen nichts zu tun haben und verwerfen sie lieber. Ein schwerer Mangel!
      Auch die allermeisten Kirchenverantwortlichen – Pfarrer, Pastoren, usw. – haben mit der Symbolik der Bibel wenig am Hut.
      Ein spiritueller Lehrer sagte in einem Vortrag um 1990, daß es nur noch eine „Handvoll“ Menschen gäbe, die sich damit gut auskennen.

      Ich hatte das Glück, auf einen (KK-finanzierten!) Psychotherapeuten zu treffen, der sich auch für meine Träume interessierte und mir bei der Deutung sehr hilfreich war. Als meine Seele dieses Interesse an Träumen bemerkte, lieferte sie mir in jener Phase die großartigsten, kreativsten, intelligentesten, Träume, die ich je hatte.
      Und als ich die Entscheidung getroffen hatte, unter allen Umständen die Wahrheit erkennen zu wollen, half sie mir dabei.
      Meine Seele und mein Therapeut brauchten zwar einige Sitzungen, um den Kern der unbequemen Wahrheit freizulegen, aber dann konnte ich ihn endlich erkennen:
      Ich hatte bis zum 57. Lebensjahr nie erlebt / erkannt / verstanden, was wirkliche / wahre / bedingungslose Liebe ist.

  5. OH! Ein sehr bemerkens- und lesenswerter Artikel! „Psychosische“ Phasen erleben alle. Lediglich die Bewusstseisverändernde Intensität ist unterschiedlich.
    Es muss ja nicht alles unerklärlich sein!

    Mystische und magische Grüsse 🙂

    Vielen Herzens Dank dafür!

    Roger

    1. Hallo Roger!

      Lieben Dank für deinen Kommentar. 🙂

      Ja, vielleicht ist es so, wie du sagst. „Psychotische“ Phasen erleben alle. Lediglich die bewusstseisverändernde Intensität ist unterschiedlich.“

      Liebe Grüße,

      Tanja

    1. Hallo Vera Maria!

      Danke für deinen Kommentar. 🙂

      Freut mich, dass du dir Zeit fürs Lesen genommen hast.

      Herzlichst,

      Tanja Braid

  6. Hallo Tanja,
    vielen DANK für deine geteilte Offenheit…
    In einigen der beschriebenen Darstellungen, konnte ich mich z. Teil reflektieren und wieder finden…
    Mir selbst, sind Mitte der neunziger Jahre – und – während einer Yogaausbildung phänomenale Dinge passiert, die mich am Ende, eben weil alles “ ZU HEFTIG & TIEF “ wurde, zu einer “ GOTT SEI ES GEDANKT “ herausragenden Psychotherapeutin führen musste…Ich erlebte eine gr. Verlustangst, die ich jahrelang sehr gut verdrängen konnte…Dem folgten tiefe depressive Phasen, in denen ich sehr viel WEINEN musste…Eine Medikation lehnte ich ab…Am Ende mündeten meine Verzweiflungs-phasen, in eine Depression hinein…
    Mit meinem damaligen Partner, der übrigens ähnlich wie ich tickte, war übereinstimmend vereinbart, dass egal, wer von uns beiden “ AUSTICKEN “ könnte, kein Arzt gerufen werden solle, bzw. eine amtsärztliche Handlung vollzogen werden möge, weil wir beide exakt um die eventuell auf-tauchenden “ BEWUSSTSEINS-ERWEITERNDEN-VERSCHIEBUNGEN “ wussten…Das Ziel meines Partners war es – zu “ ERWACHEN. “ Mein Ziel war meine damals gegenwärtige Yogalehrerausbildung zu einem guten Abschluss zu bringen , was schlußendlich 4 Jahre dauerte, ehe ich das Diplom in den Händen hielt…Die Liebe zum Yoga, zur Atemlehre und Meditation, bereicherten, und bewässerten nur einen Teil meiner Seele…Die etwas größeren Belohnungen zeigten sich etwas später…Es war um 2000 herum…Mein Partner wollte “ ERWACHEN “ und weil mein Anspruch anders gelagert schien, wurde mir dieses Gefühl von “ GLÜCK-SELIGKEIT “ wie aus dem NICHTS kommend geschenkt…Diese “ SCHWERLOSIGKEIT “ war ca. 7 Monate mein Begleiter gewesen…Was damals an “ LEID & SCHMERZ “ passieren musste, konnte ich NICHT verurteilen – im Gegenteil, egal ob psych. “ E?R?K?R?A?N?K?T “ oder nicht, so heißt meine Deviese: “ NICHT IMMER ALLES WAS ERSCHEINT (je nach Krankheitsbild) DEN ÄRZTEN WIE PSYCHOLOGEN WEITER TRAGEN – UND SO ES MÖGLICH IST, VERSUCHEN TIEFER ZU SCHAUEN…“

    Alles LIEBE und eine gute GESUNDHEIT
    Viola

    1. Liebe Viola,

      herzlichen Dank für deinen Kommentar. 🙂

      Ja, es braucht Mut und Selbstvertrauen, nicht alles, was emotional unangenehm oder schwierig ist sofort zu einem Arzt, Therapeuten, Psychiater oder Psychologen zu tragen.

      Manchmal verbirgt sich dahinter ein Prozess, der in sich eine eigene Intelligenz hat und wenn Vertrauen in den Prozess besteht, kann dadurch am Ende etwas Positives entstehen.

      Herzlichst,

      Tanja Braid

  7. Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag.

    Ich möchte ihn gerne unterstreichen mit einem Artikel auf „madinamerica.com“, der genau dieses Thema berührt. Zugleich schließt er sich nahtlos an meine Vor-Kommentatorin Marianne an.
    In dem Artikel berichtet eine Frau über ihre „bipolare Diagnose“ und der anschließenden Zusammenarbeit mit Sean Blackwell in Brasilien. welchen Marianne bereits erwähnte.
    Für mich ein Erkenntnisschub waren auch die Inhalte eines Kommentars zu diesem Bericht. Die Kommentatorin befand sich in einem ähnlichen Zustand wie die
    Autorin. Die Kommentatorin schreibt u.a.:
    „Ein anderes Zitat von Campbell, das ich interessant fand, ist das „Der Psychotiker ertrinkt in den gleichen Gewässern, in denen der Mystiker vor Freude schwimmt.“
    Beachten Sie, dass ich das Wort „psychotisch“ nicht mag – aber dieses Zitat geht auf die Idee ein, dass Menschen mit mentalen und spirituellen Krisen – oft verursacht durch eine Zusammenstellung verschiedener Traumata – ähnliche Bewusstseinsebenen erreichen, die ein Mystiker sucht.““
    https://www.madinamerica.com/2020/07/child-abuse-psychosis-healing-journey/

    Auch ich komme mehr und mehr zu der Einsicht, dass die Qualität des Verlaufs einer Kundalini Auslösung etwas mit etwaigen traumatischen Vorerfahrungen zu tun hat. Es scheint vielleicht so zu sein, je traumatischer die Lebensereignisse waren, desto problematischer ist die Auslösung.
    Die deutsche Traumatherapeutin Michaela Huber schrieb bereits in den 90ger Jahren des letzten Jahrhunderts über paranormale Fähigkeiten, Probleme mit Elektrizität und energetische Wahrnehmungen bei hoch traumatisierten Klientinnen.

    Mir scheint, die Kundalini bekommt nochmal neue oder erweiterte Aspekte.
    Herzliche Grüße
    Marlis

    1. Liebe Marlis,

      herzlichen Dank für deinen Kommentar. 🙂

      Ich bedanke mich für die weiterführenden Informationen. Das Zitat von Campbell erachte ich als zutreffend.

      Ja, auch meine Überlegungen zu Kundalini und erweiterte Aspekte geht in die gleiche Richtung.

      Herzlichst,

      Tanja Braid

    2. Liebe Marlis,

      ich kann mich auch an deine Ausführungen nahtlos anschließen.

      Über den Zusammenhang zwischen Kundaliniauslösung und Trauma denke ich ähnlich.
      Was dabei wenig thematisiert wird, ist das Phänomen, dass die Kundalini Verdrängungsschranken aushebelt und uns daher immer mit unseren noch nicht geheilten Traumas in Berührung bringt.

      Mit herzlichem Gruß
      Marianne

      1. Liebe Marianne,

        herzlichen Dank für deine Rückmeldung.
        Ich stimme dir völlig zu. Zugleich würde ich gerne noch einen Aspekt hinzufügen. Die Kundalini nimmt auch die „Illusion“ oder unsere Überzeugung, dass Traumata bereits geheilt sind. Ich habe oft gedacht, das oder das ist erledigt, da kannst du gut mit leben, und dann begann die ganze innere Arbeit von vorne.

        Herzliche Grüße
        Marlis

        1. Liebe Marlis,

          ja, da kann ich auch „ein Lied davon singen“.

          Traumaheilung findet – in meiner Erfahrungswelt – allerdings auch auf vielen verschiedenen Ebenen statt: Da gibt es muskuläre und neuronale Muster und auch emotionale und kognitive Verarbeitungsweisen, die sich nachteilig und blockierend auswirken können.

          Den Kundaliniprozess erlebe ich hier wie eine „Reinigungsmaschine“, die nach und nach jede dieser Ebenen bearbeitet. An die Illusion der vollständigen Heilung habe ich dabei noch nie geglaubt. 😉

          Mit herzlichem Gruß
          Marianne

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