Borderline: Leben und Lieben zwischen Himmel und Hölle

Borderline Leben und Lieben zwischen Himmel und HölleDie Borderline-Persönlichkeitsstörung, kurz BPS, beschreibt eine emotional instabile Person mit starker Menschenfixierung. Symptomatisch für die Störung sind u. a. äußerst intensive, zwischenmenschliche Beziehungen, die jedoch von kurzer Dauer sind, starke Impulsivität, fehlende Impulskontrolle, Denken/Fühlen/Handeln in Extremen, Schwarz-Weiß-Denken, Angst vor dem Verlassenwerden, Nähe-und-Distanz-Schwankungen, Kindlichkeit, hohe Sensibilität/Empathie, äußerst starke Emotionen, diffuses oder fehlendes Selbstbild, Sehnsucht nach symbiotischer Verschmelzung mit einer Person, Sehnsucht nach nährender Mutter- oder Elternliebe auch im Erwachsenenalter, selbstverletzendes, riskantes oder suizidales Handeln. Das von den Medien kolportierte Bild des Ritzens in die Haut ist nur ein Symptom, das innerhalb der Störung auftreten kann, jedoch nicht auftreten muss. Auch ist es nicht als Leitsymptom zu verstehen – sondern eher als medialer „Aufhänger“.

Vorbemerkung und Hinweise

Es ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung komplex und vielschichtig, daher für Laien oder für Menschen, die in Erstkontakt mit dem Thema kommen, meist nicht sofort „logisch“ nachvollziehbar. Dass Borderline bedeutend mehr ist, als das im Fokus stehende BPS-Indiz, nämlich das Ritzen der Haut, dringt jedoch mehr und mehr ins öffentliche Bewusstsein. Auch offenbaren sich zusehends Betroffene – Menschen im Umfeld des Borderliners und berichten von ihren durchaus leidvollen Erfahrungen.
Dennoch kann das Thema in der Gesamtbreite hier nicht erschöpfend dargestellt werden, nicht zuletzt deshalb, weil die Bandbreite vom „lieben“ bis zum „gehässigen“ Borderliner groß ist und im Grunde jeder Fall individuell betrachtet werden müsste. Auch kann die Schwere der Störung variieren, von leichter Bindungsangst bis hin zu exzessiven und impulsiven Wutanfällen, Drohungen, Beschimpfungen und gewaltvollen verbalen und körperlichen Ausfällen reichen …
Vorausschicken möchte ich, dass mein persönliches Wissen über das hier Vorgestellte hinaus geht, dies als Betroffene sowie aufgrund meiner intensiven Einarbeitung in die Thematik. Ich werde am Ende des Artikels zu Büchern verlinken, die die Borderline-Symptomatik vollständiger abbilden, als dies hier der Fall ist. Fragen, die nach Lektüre des Artikels offen bleiben, können anhand der Literatur beantwortet werden.

An wen richtet sich der Artikel?

Dieser Artikel richtet sich überwiegend an Betroffene, an Partner und Partnerinnen von Borderlinern in Mann-Frau-Beziehungen, nicht jedoch an Borderliner selbst.
Beschrieben sind generelle Symptomatiken und typische Borderline-Verhaltensweisen in Beziehungen, die jedoch für den Einzelfall nicht gelten mögen. Die Borderline-Symptomatik ist, wie erwähnt, variabel/flexibel und in vielerlei Hinsicht situativ modifiziert, dennoch muss ich mich aus Platzgründen auf das Typische beschränken.
Aus Gründen der Lesbarkeit ist im Folgenden „der Borderliner“ gebraucht, selbstverständlich ist die Borderlinerin mitgemeint, was ebenso für die Partner von Borderlinern gilt – auch hier sind, wenn von „der Partner“ gesprochen wird, männliche und weibliche Partner gemeint.

Abgrenzung zur NPS, der narzisstischen Persönlichkeitsstörung

Narzissmus aus spiritueller Sicht – Teil 1Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist neben der narzisstischen, histrionischen und antisozialen Persönlichkeitsstörung die vierte Persönlichkeitsstörung, welche als Gesamtgruppe zu den Cluster-B-Störungen gehört. Cluster-B bezeichnet die amerikanische Einteilung von Persönlichkeitsstörungen und ist gleichsam der Diagnose-Leitfaden des amerikanischen Fachverbandes für Psychologie.
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung kann auch narzisstische Züge aufweisen. Überschneidungen sind möglich, d. h. BPS steht der narzisstischen Persönlichkeitsstörung relativ nahe, unterscheidet sich jedoch in der Ausprägung z. B. in der hohen Empathie/Sensibilität des Borderliners, die dem Narzisst i. d. R. fehlt. Anders als Narzissten können Borderliner unter günstigen Umständen mittels Selbstreflexion Einsicht in ihre Störung haben, daher finden sie sich auch in Therapien wieder. Leider werden sie häufig als bipolar fehldiagnostiziert, doch auch bei richtiger Diagnose brechen sie die Therapie nicht selten frühzeitig ab, weswegen die Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung auch für routinierte Therapeuten eine Herausforderung sein kann.

Häufigkeit der Borderline-Persönlichkeitsstörung bei Männern und Frauen

Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass die Borderline-Persönlichkeitsstörung aufgrund der größeren Emotionalität (nur) bei Frauen auftritt und Männer davon kaum bis seltenst betroffen sind. Schon in den Jahren 2004 und 2005 fand eine amerikanische Untersuchung heraus, dass aus 34.653 Menschen gesamt (Männer und Frauen) 5,9 Prozent von BPS betroffen waren, davon wiederum 6,2 Prozent Frauen und 5,6 Prozent Männer. Der prozentuale Unterschied in der Häufigkeit liegt bei 0,6 und ist damit wenig signifikant, d. h. um diesen Wert sind Frauen zwar häufiger betroffen als Männer, doch die generelle und ausschließliche Zuschreibung von BPS auf Frauen ist unrichtig.

Himmel und Hölle: Beziehung mit einem Borderliner

Beziehungen zu Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung werden gemeinhin als Himmel und Hölle beschrieben, da das Beziehungserleben entweder himmlisch oder höllisch ist, doch ohne ruhenden, stabilen Mittelpunkt. Diese Beziehungen sind äußerst herausfordernd, schmerzhaft, i. d. R. destruktiv und fühlen sich für den Partner/das Umfeld wie emotionaler Extremsport an. Der Borderliner versucht aufgrund seiner Störung, insbesondere wegen seiner tiefsitzenden und häufig unbewussten Angst vor dem Verlassenwerden, die Beziehung zu kontrollieren, was er über Manipulation am und Macht über den Partner zu erreichen sucht.
Diese Angst kann irrational sein und völlig grundlos auftauchen oder schon durch ein normales Alltagsverhalten des Partners ausgelöst werden, z. B. wenn auf eine SMS nicht sofort geantwortet wird. Durch diese Angst entsteht mitunter die „chronische“ Untreue des Borderliners, die sich körperlich und/oder emotional äußern kann, denn er wird typischerweise stets mehrere Partner/Menschen „in der Pipeline“ haben. Dies deshalb, weil der Gedanke, alleine sein zu müssen, für ihn äußerst bedrohlich ist. Borderliner deklarieren/rechtfertigen sich in multiplen Parallelbeziehungen häufig so, dass sie doch nur suchen würden und nicht per se untreu wären, sie suchen doch nur den idealen Partner und müssten eben „ausprobieren“, bis sie ihn gefunden hätten. Doch wenn, dann wären sie selbstverständlich „treu“.
Dass man mit einem neuen, zum Verkauf gebotenen Wagen jedoch keine Probefahrt um die halbe Welt machen muss, um zu wissen, ob er „passt“, kommt im Mindset eines Borderliners praktisch nicht vor, wie auch Begriffe von Ethik und Moral meist oberflächlich oder gar nicht verstanden werden.
Zudem gibt es den Idealparter – ideal im Sinne des Borderliners – i. d. R. nicht, da der Idealpartner keine eigene Persönlichkeit haben dürfte. Aus diesem Grund – um im Bild zu bleiben – fahren Borderliner mit einem ganzen Fuhrpark um die Welt, wechseln wöchentlich/monatlich/jährlich das Fahrzeug, wobei nicht ausgeschlossenen ist, dass sie zum Erstfahrzeug, das sie z. B. vor über drei Jahren „getestet“ haben, irgendwann wieder zurückkommen (wollen).
Andererseits werden multiple Parallelbeziehungen geführt und über Jahre hinweg gehalten, um das (Verlust-)Risiko zu minimieren. Man kann dies durchaus wie mit dem Streuen des Risikos bei Aktien vergleichen: Wer in viele Aktien gleichzeitig investiert, hat i. d. R. einen leichten, stetigen Gewinn und wird es gut verschmerzen können, wenn eine Aktie ausfällt. Wer jedoch alles auf nur eine Aktie setzt, wird den Verlust schwer(er) verkraften können. Genauso hält es der Borderline-Mensch mit „Humankapital“. Bevor er alles auf eine einzige Person setzt, setzt er auf viele – und streut so das Risiko vor dem Verlust und dem Verlassenwerden.
Dass dieses Verhalten mit „Maneating“ (Menschenfressen), mit Menschensucht und emotionaler Gier gleichgesetzt werden kann, versteht sich von selbst. Für den Borderliner geht i. d. R. immer noch mehr, es geht immer noch besser und kann nie genug sein, weswegen eine ausschließliche, auf Monogamie und Treue begründete Beziehung mit einem Borderliner schier unmöglich ist. Ein einzelner Partner wird nie/kaum unique und besonders genug sein (können). Aus diesem Grund finden sich verhältnismäßig viele Borderliner in der Polyamorie, welche sich über gönnerhafte Liebe im Liebesbegriff selbst ad adsurdum führt, wie auch sich der Borderliner in der Liebe häufig selbst ad adsurdum führt.

Anm.: Hier ist wiederum eine typische Borderline-Tendenz beschrieben, die in einzelnen Fällen nicht gelten mag. Ein Borderliner kann für eine gewisse Zeit, mitunter auch jahrelang „treu“ sein, doch ist dies eher ein Indiz für einen verlangsamten Borderline-Zyklus, für abgeschwächte Symptomatik oder für vollständige Unterwerfung des „abhängigen“ Borderliners unter den Partner, als für echte Treue und Beständigkeit. Der „treue“ Borderliner hat i. d. R. noch keine anderen Liebesobjekte in Aussicht und wird den aktuellen Partner aufs Äußerste „bewachen“, gerade so, wie ein Wüstennomade eine zur Neige gehende Wasserquelle beschützen und bewachen würde. Die Treue ergibt sich aus der Abhängigkeit, nicht jedoch auf einer Bindung, die auf Oxytocin-Basis und der daraus entstehenden Liebe beruht.
Monogamie und Treue sind für viele Borderliner aufgrund ihrer Störung nicht oder nur temporär „lebbar“, auch wenn der Borderliner sich diese Attribute anheften mag, dennoch „braucht“ er die menschliche Anbindung in jeder erdenklichen Richtung, sei es sexuell, emotional, freundschaftlich. Für ihn gilt grundsätzlich: Je mehr umso besser, denn „mehr“ bedeutet für ihn „sicherer“.

Der Kreislauf in Borderline-Beziehungen

Die Beziehung zu einem Menschen mit BPS folgt dem Muster Idealisierung (mit höchster Nähe, Symbiose und Intimität), Destabilisierung (Schaffung von Distanz), Entwertung (des Partners, der Kinder, der Eltern …) und schließlich, sofort oder erst nach Jahren, die Trennung.
Dieser Kreislauf kann, je nach Borderline-Typus, innerhalb eines Tages, weniger Wochen/Monate oder auch zeitlupenhaft in einer langjährigen „Beziehung“ auftreten.
Es kann sich der Partner trennen, doch häufiger trennt sich der Borderliner, wenn er ein besseres/idealeres „Liebesobjekt“ gefunden hat. Tatsächlich möchte ich hier von „Objekt“ sprechen, denn die Einverleibung, Subjektivierung und Inflationierung der Liebe und der Menschen seitens des Borderliners, hat mit „Be-ziehung“ im besten Sinne wenig zu tun, hat nichts mit Geben und Nehmen zu tun, vielmehr wird der aus Sicht des Borderliners vermeintlich fehlerhafte, enttäuschende Partner durch neues „Humankapital“ ersetzt.

Ich bitte die etwas „wertende“ Sprache zu entschuldigen, doch sie entstammt keiner lapidaren Haltung, sondern Wissen und Erfahrung. Zudem, da ich keine Therapeutin bin, „darf“ ich mich „unverwaschen“ äußern, auch ist es ein Unterschied, ob man mit einem Borderliner 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 4 Wochen im Monat usw. zu tun hat oder ob ein Therapeut diesen eine Stunde pro Woche sieht.

Fehlende Identität

Fehlende Identität Borderline BPSDie fehlende oder kaum vorhandene Identität des Borderliners bringt es mit sich, dass dieser sich Identitäten von anderen Personen ausleiht – oder gar klaut. Die Fragilität des Egos ist immens, weswegen der typische Borderliner äußerst empfindlich reagiert, wenn die nicht vorhandene Identität – oder das momentan vorherrschende Persönlichkeitsgefühl – leisester Kritik ausgesetzt wird. Die Überempfindlichkeit wird manchmal mit Hochsensibilität nach Dr. Elaine N. Aron gleich gesetzt – oder verwechselt. Zu differenzieren ist, dass ein „normal“ hochsensibler Mensch verantwortungsvoll und erwachsen reagiert, was der typische Borderliner in der Regel nicht kann. Warum der typische Borderliner dies nicht kann, müsste wiederum in einem eigenen Artikel/Kapitel abgehandelt werden, hier sei gesetzt, dass es so ist.

Daher: Falls diesen Text ein Borderliner liest, sei klargestellt, dass, was auch immer in der Kindheit passiert ist, eine andere Person dies nicht ausbügeln kann, noch weniger muss – nicht auf Kosten ihrer eigenen psychischen Gesundheit. In einer Beziehung hat der Partner/die Partnerin ein Recht auf sein/ihr Sosein, auf Individualität, echte Liebe, Nähe und Glück, sowie auf Gegenseitigkeit, Respekt und Vertrauen.

Dass grundsätzlich jeder Borderliner sich als absolut beziehungswillig und beziehungsfähig begreift, liegt wiederum in seiner Menschensucht, der Störung selbst begründet – ist jedoch im Normalverständnis von Beziehung und echter Liebe „unwahr“, denn Borderliner brauchen andere Menschen um ihrer selbst willen, sie brauchen den Bezug weniger um des gegenseitigen Liebesgefühls, nicht der Zugewandtheit wegen, sondern um die fehlende Identität mit dem Eigentum des fremden „Menschseins“ auszugleichen, sowie um die u. U. latent vorhandene Depression zu vertreiben, das tiefe, dunkle Loch zu füllen … Der Partner wird also weniger geliebt, als „ge-braucht“ (im doppelten Sinne).
Hier wird die Schieflage evident. Man kann vorsichtig behaupten, dass Borderliner sich in Beziehungen wie Säuglinge verhalten, die rundum gepflegt, geliebt, gewärmt, genährt und gehalten werden wollen. Das Liebesgefälle in einer BPS-Beziehung hat auf der einen Seite also den erwachsenen Menschen, der gesehen, verstanden, gehört und angenommen werden möchte, und auf der anderen Seite den Säugling, der auf das, was die erwachsene Person gibt, mit Zufriedenheit, Genährtheit und Wohlgefühl reagiert, jedoch die erwachsenen Liebesbedürfnisse weder sehen noch erfüllen kann.
Die Grundbedürfnisse des Partners empfindet ein Borderliner für gewöhnlich als Anspruchsdenken, als „Ego“, als unzumutbare Forderung an ihn, denn sein Partner-Idealbild beinhaltet die „alles verzeihende Mutter“, bedingungslose Liebe, die akzeptierende, nährende, wärmende Person, die für ihn 24/7 „da zu sein“ hat, wenngleich er dies in selber Weise nicht/kaum adäquat zurückgibt, weil er es nicht zurückgeben kann. Hier setze ich dies wiederum de facto, es bräuchte extra und zuviel Raum, die Gründe hierfür darzulegen.

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung und die wahre Liebe

Borderline Liebe Partner BeziehungObwohl Borderliner Zeit ihres Lebens nach der (für sie) idealen Liebe suchen und obwohl sie sich selbst als äußerst menschen- und beziehungsorientiert sehen und erleben, können sie i. d. R. keine echte Liebe geben und aufgrund ihrer Nähe-Distanz-Schwankungen auch keine echte Liebe annehmen. Die „echte Liebe“ des Partners wird mehr oder minder vom Borderliner absorbiert und läuft in sein innerseelisches, tiefes Vakuum, jedoch wird sie nicht/kaum oder pervertiert (in manipulativer Weise) zurückgegeben. Hierüber entstehen u. a. die borderline-typischen Krümel-Beziehungen: Der Partner, vielleicht schon am Rande der Selbstaufgabe, hat z. B. monate- oder jahrelang gegeben, klassischerweise verziehen, wieder gegeben und wieder verziehen, wohingegen der Borderliner die Symbiose nur mehr noch eingeht, wenn er gerade „in the Mood“ ist, was typischerweise im Laufe der Beziehung aufgrund seiner Störung immer seltener vorkommt, dies insbesonders, wenn schon neue Liebesobjekte am Horizont auftauchen … So kann in der Zeit, in welcher der Partner jahrelang und ausschließlich gibt, der Borderliner einer Katze gleich einmal im Monat „nach Hause kommen“ um sich ein paar Streicheleinheiten abzuholen und dazu Schnurren beisteuern. Der Partner stellt also den Kuchen, der Borderliner tut ein paar Krümel hinzu. Dies ist wiederum ein typischer Verlauf in Borderline-Beziehungen, der dennoch nicht pauschalisierbar ist.

Generell ist die Betrachtung von größeren Zeiträumen und Beziehungsabsläufen zur Beschreibung der Borderline-Symptomatik wichtig, denn ein Intermezzo mit einem Borderliner kann u. U. angenehm sein, für beide, doch die inhärente Struktur und Psychodynamik zeigt sich für beide (noch) nicht im Intermezzo, sondern erst im Laufe von Wochen, Monaten, Jahren … Auch kann ein Borderliner bei der aktuellen Favorite-Person (Lieblingsperson) sehr „handzahm“ und bei den eigenen Kindern kühl/kalt sein, andersherum bei einer bestimmten Person relativ verträglich, bei einer anderen jedoch die schlechteste Version seiner selbst sein … Die Borderline-Störung zeigt sich im Beziehungsgefüge, wobei hier darauf hingewiesen sei, dass ein Partner nicht schlecht/negativ sein muss, um beim Borderliner das Vollbild seiner Störung ans Tageslicht zu bringen, sondern, im Gegenteil, sehr gut sein kann. In welchem Umfang die Symptomatik erscheint, hat weniger mit Charakter und Eigenart des Partners, als mit der inneren Dynamik des Borderliners zu tun: Hauptsächlich ist das Syndrom dadurch bestimmt, wie sehr, wodurch und wie oft die Angst vor dem Verlassenwerden angesprochen wird und wie „nah“ es wirklich wird, sowie vom Alter des Borderliners. (Studien zeigen, dass die Symptomatik mit fortschreitendem Alter abnehmen kann.)

Die Manipulation des Borderliners

Da Borderliner äußerst empathisch und sensibel sind, manipulieren sie den Partner/die Partnerin so sanft, kunstvoll, geschickt und „voll-automatisch“, dass dieser das Gelingen oder Scheitern der Beziehung heldenhaft auf sich nimmt – sich die Schuld und Verantwortung für die Beziehung und das Wohlbefinden des kindlich-schützenswerten Borderliners mehr und mehr zuschreiben lässt, wobei das Ich/die Persönlichkeit des Partners langsam erlöschen kann.
Um es mit einem Bild zu beschreiben: Einen Borderliner wahrhaftig zu lieben, ist, als wolle man mit einer Wasserspritzpistole den Grand Canyon füllen. Nur dass der Grand Canyon einen Boden hat.
Borderliner manipulieren jedoch seltenst bewusst, sondern situativ heraus mit einem sehr feinen Gefühl für das Gegenüber, mit einem äußerst feinen Gefühl für Stimmungen und für Menschen. Diese Manipulation ist sozusagen auf „Autopilot“. Die Manipulation ist seltenst bewusst und kostet den Borderliner seltenst Anstrengung – kennt er es doch seit frühester Kindheit nicht anders …

Die Manipulationstechniken

Es gibt mehrere Manipulationstechniken, doch die häufigsten sind Blameshifting (Schuldumkehr), Relativierung, Unter- oder Übertreibung, Projektion, sowie, wenn sich der Borderliner in einer für ihn aufreibenden Situation befindet – was aufgrund seiner Überempfindlichkeit „alles“ sein kann – Wut oder Androhung mit Suizid.
Ziel der Manipulation ist die unbedingte Ablenkung vom eigenen fehlenden Selbst, Bindung des Partners und Bündelung der Konzentration/Energie des Partners auf ihn, Sicherung der Beziehung (trotz paradoxem Verhalten), Sicherung der Ressource Mensch sowie die Angst vor dem Verlassenwerden zu minimieren. (Diese Angst – ich erinnere nochmals daran – kann bewusst oder unbewusst, jedoch völlig irrational sein. Es braucht keine, dem Normalverständnis nach, reale Ursache, um diese Angst auszulösen.)

Die „legendäre“ Projektion des Borderliners

Aufgrund der stets bedrohten, da fehlenden/fragilen Identität, projiziert der Borderliner alles in andere Menschen, was er tatsächlich selbst ist, jedoch nicht sehen kann und sehen möchte, da durch den Erkenntnisweg echter Selbstreflexion das fragile/vorgeschobene Ich wiederum bedroht wäre. Ließe der Borderliner „Wahrheit“ über sich selbst zu, käme er auch mit der Angst vor dem Verlassenwerden in Kontakt, denn sobald er einsieht, dass mit ihm etwas nicht stimmt, muss er nicht nur die Projektion fallen lassen, dass mit allen anderen um ihn herum etwas nicht stimmt, sondern den Gedanken zulassen, dass er deshalb verlassen werden könnte, eben weil mit ihm etwas nicht stimmt … – auch wenn diese Angst rational betrachtet von vornherein absurd ist.

Die Angst vor dem Verlassenwerden

Angst vor dem Verlassenwerden BorderlineUm hier ein besseres Verständnis, was es mit der Angst des Borderliners vor dem Verlassenwerden auf sich hat, zu bieten, möchte ich einen Vergleich bringen: Es wird ein Arachnophobiker (jemand, der Angst vor Spinnen hat) einsehen können, dass die Angst vor Spinnen im Grunde absurd ist. Doch sowie er in die Nähe einer Spinne kommt, greift die rationale Einsicht nicht, er bekommt dennoch Herzklopfen, Schweißausbrüche und möchte am liebsten davon laufen.
So ähnlich verhält es sich mit der Angst des Borderliners vor dem Verlassenwerden, wenngleich diese Angst des Borderliners, anders als beim Arachnophobiker, bewusst oder unbewusst sein kann und auf keine äußeren Ursachen zurückzuführen sein muss. Dieser Vergleich ist hier für Partner/Angehörige zum besseren Verständnis dargelegt, damit auch klar ist, dass Liebesbekundungen, Treueschwüre, offensiv vorgelebte Beständigkeit – alles, was einem normal gesunden Menschen diese Angst nehmen könnte, nicht greifen. Die Angst des Borderliners wird dennoch bleiben oder sich erst dann zersetzen, wenn er sich mit sich selbst konfrontiert, sowie sich die Angst des Arachnophobikers erst dann auflöst, wenn er mit der Spinne konfrontiert wird.

Die Projektionen wiederum können äußerst komplex/mehrschichtig, sowie unerträglich simpel sein, doch auch dies ist ein auf Autopilot gestellter Mechanismus innerhalb der Borderline-Persönlichkeit, der i. d. R. weder vom Borderliner noch vom Partner durchschaut wird – insofern nicht Vorkenntnisse vorhanden sind.

Zack, du warst es!

Borderliner spielen das „Zack, du warst es“-Spiel mit verhältnismäßig großer Könnerschaft. Es handelt sich wiederum um Projektion, die unmittelbar und situativ an den Partner abgegeben wird. Wiederum gilt, dass alles, was der Borderliner im Moment oder grundsätzlich immer ist, aufs Präziseste auf den Partner überträgt.
Aus diesem Grund ist nicht er „psychisch krank“, sondern der Partner, aus diesem Grund ist nicht er „emotional instabil“, sondern der Partner, aus diesem Grund ist nicht er „verrückt“, sondern der Partner. (Dies kann sich auf Freunde/Kollegen, Kinder, Eltern und Therapeuten ausweiten.) Aus diesem Grund ist nicht er „unverantwortlich“, sondern die Welt ist es (mit ihm), aus diesem Grund liebt nicht er oberflächlich und unwahrhaftig, sondern der Partner, aus diesem Grund versteht nicht er die Welt und die Menschen darin nicht, sondern er wird nicht verstanden.

Umgedreht ist somit auch die Liebesrichtung. Borderline-Menschen wähnen sich typischerweise als Herzensmenschen, als hoch empathisch und den Menschen zugewandt; Altruismus, Philanthropie, Agape – hier spielt alles Menschengute hinein, und dennoch ist dies wiederum die Projektion, denn nicht sie lieben alle Menschen, sondern sie wollen von allen geliebt /genährt werden.

Projektion geschieht also in beiden Richtungen: Das, was außerhalb des Borderliners als gut definiert ist, beansprucht er für sich, das, was innerhalb seiner Psycho-Dynamik tatsächlich negativ ist, gibt er nach außen ab. Hier ist eine Parallele zur NPS, der narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu verorten, jedoch geht die Borderline-Persönlichkeit nochmals anders damit um, denn offenes Selbstmitleid spielt beim Borderliner eine größere und andere Rolle, als beim Narzissten.

Übertreibungen können wie folgt geschehen:

  1. Der Borderliner weiß z. B., dass der Partner in der Jugend gelegentlich Cannabis konsumiert hat. Obwohl von einer Drogenabhängigkeit keine Rede sein kann, wird der Partner bei der leisesten Enttäuschung, bei einem vermeintlichen oder echten Fehlverhalten, „schuldig gesprochen“ und/oder beim nächsten Treffen mit Freunden als drogensüchtig dargestellt.
  2. Eine Frau erzählt dem Borderliner, sich in jüngeren Jahren sexuell ausgelebt und sich selbst erfahren zu haben. Auch wenn von Untreue, Ehebruch oder Promiskuität aktuell keine Rede sein kann, geschieht bei einer vermeintlichen oder echten Enttäuschung des Borderliners dasselbe: Die Frau ist nun eine „Hure“.
  3. Eine Frau erzählt dem Borderliner, dass sie im Leben einmal eine leichte, depressive Phase hatte, diese aber schon lange vorbei wäre. Bei einer vermeintlichen oder eingebildeten Enttäuschung wird die Frau als kategorisch und unheilbar „psychisch krank“ dargestellt.
  4. Sehr bekannt unter Partnern von Borderlinern ist der Vorwurf an sie, dass sie egoistisch wären. Auch das ist dem Grunde nach eine Übertreibung und Projektion. Sowie der Partner eigene, grundlegende, menschliche Bedürfnisse nach Respekt, nach Achtung der Grenzen, nach Vertrauen, Stabilität und echter Liebe formuliert, wird ihm Egoismus vorgeworfen. So hart, unfair und irrational dies dem liebenden Partner auch erscheinen mag, es ist wiederum die Schutzmaßnahme des Borderliners, um sich der Erwachsenen-Realität zu entziehen – und im Säuglingsmodus zu bleiben.

Das ausgeprägte Schwarz-Weiß-Denken

Borderline Schwarz Weiß Denken ExtremeDa Borderliner eine ausgeprägte Gefühlsintensität haben, sie sämtliche Gefühle wie Wut, Trauer, Liebe, Hass, Angst usw. in potenzierter Form erleben, ist auch ihr menschliches Bewertungsschema gleichermaßen simpel wie extrem. Dies zeigt sich meist nicht gleich, dafür aber umso deutlicher, wenn der Borderliner in „Bedrängnis“ ist. (Ein Borderliner kann schnell in Bedrängnis geraten, einfache Weltangelegenheiten, Alltag, kleinere Krisen/Herausforderungen, die Realität an sich können ihm schnell „zuviel“ sein.)
So sind Partner, Freunde, Kollegen, Familienmitglieder in seinem Empfinden nur weiß oder schwarz, daher Engel oder Teufel. Ehemalige gute Freunde werden aus geringstem Anlass schnell zu Schurken oder „Hexen“. Hier gilt, dass je stärker die Entwertung ist, der betreffende Mensch dem Borderliner einst umso wichtiger war oder er sich stark bedroht fühlt.
Häufig werden „Feinde“ mit anderen Menschen, die noch „Engel“ sind, auf unschöne Weise bekämpft. Denunzierung, Rufmord, Drohung – die Bandbreite ist groß. Vor allem Expartner*innen von Borderlinern haben es mit relativ schlimmen Verleumdungskampagnen, Lügen, Stalking sowie Mord- oder Selbstmorddrohungen zu tun. Ironischerweise kann ein Borderliner, obwohl er den Expartner öffentlich und aufs Dreisteste diffamiert, zu diesem wieder zurückkehren wollen, wenn es mit dem neuen Partner nicht geklappt hat. Plötzlich liebt er „die Hexe“ oder „den Schurken“ wieder oder meint, nie aufgehört zu haben, den Expartner zu lieben. Diese Paradoxien ergeben im Normalbewusstsein eines psychisch gesunden Menschen keinen Sinn, sind innerhalb der Borderline-Mentalität aber „wahr“, da Zeitwahrnehmung und Bewertung von Ereignissen anders erfahren werden, auch greifen andere und sehr tiefe Verdrängungsmechanismen. Für Expartner*innen ist es der personifizierte Wahnsinn.

Wenn die Falle zuschlägt: Warum Partner mit Borderlinern ausharren

Warum Partner an der Beziehung zu einem Borderliner festhalten, hat wiederum mit der hohen Empathie des Borderliners zu tun. Zu Beginn der Beziehung, in welcher der Borderliner in der Idealisierungsphase ist, fühlt es sich für den Partner mehr als stimmig an. Es ist symbiotisch, intim, nah, warm – wunderbar. Es ist kein siebter Himmel, es ist der Himmel. Es ist wie An- und Nachhausekommen. Es ist nicht nur besonders, es ist das Beste. Es ist Seelenpartnerschaft. Alles, was der Partner innerlich je gesucht/ersehnt hat, ist auf magische Weise plötzlich da. Große Intensität! Extreme Nähe. Große Liebe. Tiefes Verstehen …

Hier ist wiederum der Unterschied zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung anzusiedeln, da der Narzisst in dieser Phase berechnend ist und kalte Empathie anwendet und Sexualität eher als Performance verstanden wird. Der Borderliner ist in dieser Phase jedoch wirklich nah (am Menschen dran), warm, liebevoll – und echt. Er erfühlt und erfüllt die tiefsten Sehnsüchte des Partners und kann liebevoll und einfühlsam sein. Der Partner wird tatsächlich gesehen und in seinem Wesen erkannt. Häufig sind Borderliner auch sehr verführerisch, charismatisch und anziehend.

Doch sobald der Borderliner in die Destabilisierungsphase (Distanzierung) geht, weil die erlebte Nähe für ihn plötzlich bedrohlich wird, ist alles „aus“. Der Partner wird unvermittelt, aus einer Nichtigkeit heraus oder grundlos, mit Liebesentzug/Kälte, Treuebruch und Kontaktabbruch bestraft. Dies kann unmittelbar nach erlebter Nähe oder auch erst nach Wochen/Monaten/Jahren in der Beziehung geschehen.
Plötzlich ist Lieblosigkeit da, Distanz, vielleicht kommen auch phantastische Beschimpfungen, Anschuldigungen, haltlose Vorwürfe … Manchmal testet der Borderliner die Beziehung und den Partner in dieser Phase bewusst aus, manchmal agiert er lediglich ein Muster aus.
Die Irrationalität und Paradoxien des Borderliners kommen eruptiv zum Vorschein, wobei an diesem Verhalten aus Sicht des Borderliners (immer!) der Partner schuld ist. Blameshifting (Schuldumkehr) dient dem Borderliner, um – wiederum! – sein fragiles Ich nicht (an-)erkennen zu müssen. Je nach Typus sucht der Borderliner mit Absicht das „Haar in der Suppe“, oder er erfindet etwas, um Distanz schaffen zu können. Hier können aufgebauschte Eifersuchtsszenarien kommen, wie dass der Partner mit anderen flirtet – auch wenn es gar nicht stimmt, wie dass da schon jemand Drittes ist – auch wenn es gar nicht stimmt, oder dass der Partner schon lange fremdgeht – auch wenn es nicht stimmt. Auch kann vorgebracht werden, dass der Partner nicht hingebungsvoll genug, zuwenig Mann oder zu wenig Frau sei … Kurz: Es können absurdeste Annahmen/Behauptungen auftauchen.

Unglücklicherweise erkennen Partner dies nicht und nehmen die Anschuldigungen/Vorwürfe des Borderliners ernst, so wie sie es selbst ernst nehmen würden, wenn sie jemandem dieselben Vorwürfe angedeihen lassen würden. Es ist starker Tobak. Das heißt, sie erkennen die tieferliegende Ursache nicht, nämlich die Angst des Borderliners vor Zurückweisung oder dem Verlassenwerden. Und so reagieren sie auf das tatsächlich Gesagte und denken, es wieder gut machen zu können, die Vorwürfe nur zerstreuen oder das Vertrauen wieder instand setzen zu müssen, jedoch ist dies weder sinnvoll noch zielführend, sowie die Abwehr des Borderliners (das Schaffen von Distanz) in dieser Weise nicht ernst zu nehmen, da – leider – die ganze Beziehung in dieser Weise nicht ernst zu nehmen ist. Trotz der unglaublichen Nähe, Tiefe und Intimität ist im Grunde alles eine Farce, weil der Partner nur Instrument zur Schmerzabwehr, Ersatzidentität, Liebesressource sowie Seelen-Füllmasse ist.

Heilung und Prognose von BPS

Es kann nie oder nur unter günstigsten Umständen zu einer ausgewogenen, stabilen Beziehung, die auf Geben und Nehmen beruht, kommen. M. E. gelingt das mit einem Borderliner per se nicht, auch wenn ein Borderliner eine Therapie anstrebt. Die Rückfallquote von „geheilten“ Borderlinern liegt nach zwei Jahren „Heilung“ bei 44 Prozent. An dieser Stelle sei vermerkt, dass Borderline eine Persönlichkeitsstörung und keine „Depression“ mit bei richtiger Diagnose guter Heilungsprognose ist. Aus neurobiologischer Sicht gibt es Unterfunktionen im Gehirn: Präfrontaler Cortex, Hippocampus (Gedächtnisfunktionen) und Amygdala (Gefühlsreaktionen) haben ein tendenziell reduziertes Volumen.
Wie, so darf man sich ernsthaft fragen, können durch „Reden“ fehlende und dysfunktionale Gehirnstrukturen in einer Therapie „repariert“ werden?

Gefühle schaffen Fakten

Der Partner versteht die Welt nicht mehr. Eben noch war er König/Königin, jetzt ist er weniger als ein Fußabtreter, Knecht und Prügelknabe – oder wie Luft. Den Vorwürfen entgegnet er mit Rechtfertigung, mit Ratio und mit der gültigen Realität entsprechender Logik, was dem Borderliner i. d. R. gleichgültig ist. Es geht nicht um die tatsächliche Realität, sondern um die gefühlte Realität des Borderliners. Seine Psychodynamik ist so, dass nicht Fakten Gefühle schaffen, sondern Gefühle Fakten. Das heißt, in ihm ist zuerst ein unerträgliches Gefühl, sei es Wut, Eifersucht, Angst vor dem Verlassenwerden etc. … Dieses Gefühl ist da, also passt der Borderliner die Außenwelt diesem Gefühl an, was mit abstrusesten Anschuldigungen an den Partner einhergehen kann. Die Verlustangst/Eifersucht des Borderliners muss dann z. B. ein Kollege des Partners „erklären“, auch wenn der Partner mit diesem lediglich zusammenarbeitet, es niemals zu einem Flirt noch zu sonstigen Anbahnungen kam.

Gefühle schaffen Fakten.

Anders kennt es der Borderliner normalerweise nicht, d. h.: der normale Entstehungsprozess von intensiven Gefühlen, die das Ergebnis von realen, äußeren Erlebnissen sind, ist ihm fremd oder nicht bewusst, weswegen ihm Vernunft und Einsichtserklärungen seitens des Partners gleichgültig sind.
Seine Wirklichkeit sieht anders aus. Zuerst ist das Gefühl da, dann wird nach äußeren „Gründen“ für das Gefühl gesucht, doch innerhalb des Erlebens des Borderliners ist dies „wahr“. Daher kann seine „Liebe“, seine Zustimmung sowie sein Interesse schlagartig erkalten, daher stammt sein paradoxes und häufig selbstsabotierendes Verhalten, daher stammen auch gewaltsame Übergriffe sowohl von männlichen als auch weiblichen Borderlinern auf ihre Partner.
Das Paradox: Obwohl der Borderline-Mensch grundsätzlich um jeden Preis vermeiden möchte, verlassen zu werden, tut er dennoch alles, um die Trennung zu provozieren.

Die Borderline-Falle

Idealisierung, Destabilisierung (Distanzierung), Entwertung des Partners, Trennung – das ist das unbewusste und sich wiederholende Programm/Muster des Borderliners, das in dieser Form täglich, wöchentlich oder monatlich wiederkehren kann – mit nur einem Partner oder mit vielen gleichzeitig.
Nach erlebter Trennung kann einige Male auch innigste Versöhnung mit viel Nähe „gefeiert“ werden, bis das Muster erneut greift, der Kreislauf erneut beginnt oder irgendwann das Band zur Gänze zerreißt …
Der Partner jedoch meint in dieser ersten Destabilisierung/Entwertungsphase, die Reiter der Apokalypse hätten ihn gerade überrannt. Er weiß nicht, was ihm geschieht noch warum es geschieht, denn es ist jenseits jeder menschlich „normalen“ Reaktion und nicht nachvollziehbar. Wenn der Borderliner nichts über seine Störung weiß und der Partner noch nie davon gehört hat, ist großes Leid, emotionaler Schmerz, vorprogrammiert. Denn um die Nähe, die Wärme, die Symbiose – das Wunderbare – wiederherzustellen, springt der Partner über seinen eigenen Schatten, gibt nach, läuft dem Borderliner u. U. hinterher, passt sich an, entschuldigt sich für Dinge, die er nicht „getan“ hat, beteuert seine ungebrochene Liebe, dementiert haltloseste Anschuldigungen, ignoriert Beleidigungen, bemüht sich um den Erhalt der Beziehung …
Borderline Eiertanz Beziehung AngehörigeDies schließt für gewöhnlich jegliche Äußerung, die weniger als Kritik ist, die der Borderliner eventuell jedoch als Kritik werten könnte, mit ein. Es folgt ein Eiertanz, der Wochen, Monate, Jahre dauern kann. Dies ist für den Borderliner, der sein eigenes Muster nicht erkennt, perfekt, da er den „akzeptierenden“ Menschen nun hat: Dieser Mensch beschützt ihn davor, sein fragiles Ich erkennen zu müssen, denn dieser (freundlich-nachgiebige) Mensch bestätigt das falsche oder defizitäre Selbst und füllt es auf. Der Preis dafür ist, dass der Partner nicht mehr er selbst sein kann, noch weniger um seiner selbst willen (je) geliebt wird, sondern dass er innerhalb einer Dressur lernt, durch brennende Reifen zu springen, während der Borderliner Zuckerbrot und Peitsche gibt.
Das ist die Borderline-Falle, in die auch selbstbewussteste und ich-stärkste Menschen tappen können, weswegen m. E. die „Codependency-Theorie“ nicht (immer) stimmt. Nicht ein Typus Mensch hat eine gewisse Prädisposition auf einen anderen Typus Mensch, sondern innerhalb der Borderline-Dynamik wird auch ein zuvor autonomer und in sich ruhender Mensch instabil. Zudem haben Eltern von Borderline-Kindern keine Prädisposition auf ein Borderline-Kind und können, anders als in der Literatur beschrieben, durchaus liebevoll sein und das Beste für das Kind trotz dieser Störung wünschen.

Die Wiederherstellung des Urzustands zu Beginn der Beziehung, die wunderbar symbiotische Keimzelle, sowie die Überschreibung der Gesamtverantwortung für das Gelingen der Beziehung, das vom Borderliner installierte Gefühl, dass der Partner auch und definitiv dafür Sorge zu tragen hat – und die Annahme dieses Gefühls … Das ist der Grund, warum Männer/Frauen – trotz der emotionalen Zersetzung – an der Beziehung zu einem Borderliner festhalten. Sie fühlen sich tatsächlich verantwortlich und sie ersehnen die Intensität der ersten Begegnung, die an sich „authentisch“ gewesen war, zurück.

Nach der Trennung: Tschernobyl und die verstrahlte Seele

Nach der Trennung zu einem Borderliner bleibt häufig eine Schneise der Verwüstung im Partner zurück, gerade so, als wäre Tschernobyl in der eigenen Seele passiert. Es ist ein kaum zu verkraftender, kaum zu überlebender Impact. Dies nicht, weil der Borderline-Partner so großartig war, der Liebeskummer so tief, sondern weil im Prozess der endgültigen Trennung das aufgestaute Schmerzvolumen an die Oberfläche kommt … Während der Beziehung, so kraftraubend, unsicher, instabil und unselig sie auch gewesen war, wurde der Schmerz bagatellisiert, beiseite geschoben, mit einem übergroßen Herzen für den „kindlichen“ Borderliner in Verständnis gewandelt, bedingungslose Liebe geübt, sowie es die Hoffnung auf Besserung gab – doch mit der endgültigen Trennung, die übrigens oft plötzlich kommt, „muss“ sich der Partner auch davon verabschieden und somit andere „Wahrheiten“ ansehen, die äußerst schmerzvoll sein können.
Auch eröffnen/ergeben sich erst häufig nach der Trennung Einblicke, die regelrechte Schockwellen in der Seele erzeugen können: Vielleicht erfährt der Partner erst jetzt von den vielen Seitensprüngen und langjährigen Nebenpartnern, einer pädophilen oder anderen sexuellen Neigung, der seelischen und körperlichen Gewalt von Borderline-Müttern gegen die eigenen Kinder uvm. … Zum zerriebenen Selbstwert kommt nun auch noch eine Fassungslosigkeit hinzu, die ins Bodenlose reicht. Scham, Angst, die vielen Fragen … Das nicht Verstehen können, warum diese Beziehung so desaströs gelaufen ist, wer der Borderliner – gemessen am Normalverständnis der Welt – eigentlich „wirklich“ ist und was dieser denn wirklich will, wieso man diesen unmöglichen Menschen geliebt hat, wieso das alles so geschehen konnte …,  all das geht über den Schmerz eines gebrochenen Herzens weit hinaus …

Der Partner hat so viel ertragen und so viel gegeben, mehr als Alles, mehr als Zuviel … Und es war nie genug. Und nun ist es aus. Das Urvertrauen in Menschen und in „normale“ Beziehungen ist zutiefst erschüttert, die Welt steht kopf, falsch ist richtig und richtig ist falsch, nichts ist mehr wahr, nichts ist mehr gültig. Die „normale Welt“ – war einmal …
Aufgrund der Selbstaufgabe und der permanenten Manipulation (Schuldumkehr) des Borderliners weiß der Partner nach der Trennung nicht mehr, wer er eigentlich ist, was generell oder für ihn selbst richtig und gut ist. Er steht mit weniger als mit leeren Händen da. Auch können sich posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln … Vielleicht hat der Borderliner Selbstmord angedroht, war hochdramatisch und intensiv, beteuerte wiederholt, dass er ohne den Partner nicht leben könne/wolle, dass der Partner alles ist, was er habe, dass er ihn immer lieben werde – und trotz dieser Aussagen war er plötzlich weg. Kontaktabbruch. Und ja, der „geübte“ Borderline-Partner kennt es ja. Nach dem siebten Mal nimmt er es nicht mehr ganz so ernst, und irgendwie ging es danach immer weiter, plötzlich kam ein SMS oder eine Mail, irgendetwas, aber diesmal nicht.
Weil der Borderliner jemand anderen gefunden hat.
Es ist endgültig aus.

Heilung nach der Trennung

Die psychisch-emotionale Heilung nach einer toxischen Beziehung zu einem Borderliner kann äußerst langwierig sein, da der Borderliner – trotz rationaler Einsicht und Trennungs-Commitment des Partners  – immer noch tief im Herzen ist und selbst die größten seelischen Grausamkeiten auch posthum noch gerne „entschuldigt“ werden. Das heißt, obwohl eine gewisse Erleichterung da ist, dass dieser desaströse, von Sozialkonflikten überbordende Mensch, der Borderliner, nicht mehr emotional gefüttert, ge- und ertragen werden muss, kann zugleich eine unsägliche Trauer ob der verlorenen Intensität und Nähe da sein, sowie es kaum ertragen werden kann, dass alles umsonst gewesen war, jedes Opfer wertlos, die Zeit verschwendet, das Leben mit diesem Menschen vergeudet …

Die Einsicht, dass das verlorene Paradies jedoch von vornherein mit Maden besetzt war, kommt i. d. R. spät, wenn nicht erst Jahre nach der Trennung. Diese Einsicht ist meiner Erfahrung nach jedoch die heilsamste.

Suizid Borderline Partnerschaft HeilungSuizidale Gedanken/Handlungen danach gehören (leider) dazu. Bedauerlicherweise drehen Borderliner, sowie Narzissten, nach einer Trennung zumeist Fakten um: Neigen Narzissten dazu, den „normalen“ Ex-Partner als psychisch krank hinzustellen, als unmündig und wenig lebensfähig, so neigen Borderliner dazu, den „normalen“ Ex-Partner als Monstrum, als dunkel oder satanisch, als Hexe, als Schurke oder von Grund auf böse und egoistisch hinzustellen. (Ich erinnere daran: Für einen Borderliner ist die individuelle Persönlichkeit und der Selbstausdruck einer Person i. d. R. mit Egoismus gleichgesetzt.)
Ein weiterer Unterschied zwischen Narzissten und Borderlinern ist, dass Borderliner sehr gerne bemitleidet werden, wohingegen Narzissten für gewöhnlich gerne bewundert werden. So wie ein Borderliner den Expartner als böse, egoistisch und lieblos hinstellt, erntet er vom neuen Liebesobjekt Mitgefühl. Der Narzisst wiederum, der den Expartner als unmündig, wenig lebensfähig und psychisch krank hinstellt, erntet vom neuen Partner eher Respekt/Bewunderung, weil er es so lange mit dieser Person ausgehalten hat.
Gefällt sich der Narzisst in der Stärke, möchte der Borderliner über Selbstmitleid Zuwendung erhalten, sowie er generell mit Samthandschuhen angefasst werden möchte. Das „legendäre“ Selbstmitleid des Borderliners ist übrigens eines der Haupterkennungsmerkmale. Borderlinemenschen, die von ihrer Störung wissen, gehen damit häufig dahingehend „hausieren“, dass bitteschön alle Welt Mitgefühl haben soll, denn immerhin hat der Borderliner Borderline. Der Arme. Ich möchte nicht bestreiten, dass das innere Erleben des Borderliners schmerzhaft ist, die extremen Gefühle, die Intensität, alles hoch potenziert und zumeist depressiv unterfüttert, jedoch kann die Außenwelt nichts dafür. Geholfen ist nicht mit Mitgefühl, sondern wenn sich der Borderliner in Therapie begibt und sich selbst auf die Schliche kommt.
Egoistische Tendenzen zeigen selbstredend beide Persönlichkeits-Störungen, denn die Energie-Vektoren zeigen mit der Spitze auf den Borderliner/den Narzissten. Nur wird der Narzisst i. d. R. nicht damit „laut werden“, dass er ein Narzisst ist.

Ende und Ausblick: Boderline frühzeitig erkennen

Es ist dieser Artikel ein Abriss der Borderline-Persönlichkeitsstörung, jedoch, wie eingangs erwähnt, kein vollständiges Bild. Ich zeigte typische Verläufe, die individuell jedoch abweichen können, eine andere Färbung, Textur, Richtung oder Beschaffenheit haben können …

Im nächsten Teil der Artikelserie ist beschrieben, woran man einen Borderliner frühzeitig erkennt, dies deshalb, weil sich jeder Mensch im vollen Bewusstsein für oder gegen die Beziehung mit einem Borderliner entscheiden können sollte. Dies kann er jedoch nur, wenn er im Bilde ist, was der Borderliner für gewöhnlich selbst nicht ist. Dieser agiert i. d. R. lediglich sein Muster aus und wird, auch wenn er die Borderline-Störung für sich annimmt, dafür vom Partner Extra-Credits haben wollen, jedoch nicht/kaum (freiwillig) in die eigene Kraft kommen.

Bevor also ein psychisch gesunder Mensch in der Borderline-Falle sitzt und/oder großes, emotionales Leid sowie seelische und mitunter körperliche Gewalt erfährt, sollte er m. E. nach wissen, woran man BPS erkennt – und worauf er sich einlässt:

Weiterlesen mit:

>>  15 Zeichen, woran man einen Borderliner frühzeitig erkennt

Buchempfehlungen zum Thema:

Jerold J. Kreismann: Ich hasse dich – verlass mich nicht: Die schwarzweiße Welt der Borderline-Persönlichkeit – Buchlink
Paul Mason: Schluss mit dem Eiertanz: Für Angehörige von Menschen mit Borderline – Buchlink

Quellen: Wikipedia: Borderline-Persönlichkeitsstörung: Geschlechterunterschiede, Heilungsprognose, Neurobiologie, Statistik – Link

Hilfe und Beratung:

Beratung Hilfe Mobbing Unterstützung Support Lebenshilfe Tanja Braid Neoterisches BewusstseinDir geht es aktuell nicht gut? Speziell dieser Artikel hat dich hergeführt und beschreibt dein Problem? Oder ein anderes Thema beschäftigt dich? Oder brauchst du noch mehr Informationen und möchtest in Austausch mit mir treten? Dann schreibe mich an: Beratung und Hilfe. Ich antworte in der Regel am selben Tag, in seltenen Fällen am nächsten Tag.

Wenn du der Meinung bist, dass dieser Text auch anderen helfen kann, dann teile ihn in Social Media. Teilen-Buttons untenstehend. 🙂
Hat dir der Artikel gefallen? Dann abonniere doch den Blog! Siehe „Artikel per Mail“, rechte Seitenleiste, oder klick hier, und erfahre, welche Vorteile dir das Abo bringt. 🙂

Teile den Beitrag mit deinen Freunden:

11 thoughts on “Borderline: Leben und Lieben zwischen Himmel und Hölle”

  1. Interessanter Blog. Kann alles so bestätigen, weil selber erlebt. Niemandem wünsche ich diese schmerzvolle Erfahrung. Die meisten Ex-Partner enden als psychisches Wrack, ausgepresst, abgewertet und weggeschmissen von einer einst geliebten Person. Ich kann behaupten, sie immer noch zu „lieben“ bzw. dieses Gefühl der Symbiose oder halt der Sucht, das sich in meinem Kopf und (gebrochenem) Herzen eingebrannt hat.

    Was sich in der ganzen Beziehung von Anfang an durchgezogen hat, ist das Gefühl, von ihr kontrolliert zu werden, mittels Manipulation, Abwertungen, Handykontrolle, auch Liebesschwüre und Zukunftsplänen. Man befindet sich in einer Waschmaschine im Schleudergang. Das Programm macht der BL und er lässt keine Kompromisse gelten, sonst gibt’s Drama.

    Am Schluss kommt man sich vor wie eine ausgepresste Zitrone, die weggeschmissen, zertreten und nicht mal anständig entsorgt wird. Schuld hat natürlich die Zitrone, die alles provoziert hat.
    Weshalb man das mitmacht, bleibt als letzte Frage zurück. Zu Beginn wird man verzaubert, nirgends ein Hinweis auf BL oder sonstiges, hat keine Ahnung was einen erwartet und liegt am Schluss im Trümmerfeld und fragt sich nur noch eins: warum?

    1. Hallo Synyster,

      lieben Dank für deinen Kommentar. 🙂

      Ja, das ist das große Leid dabei. Bevor Partner in BL-Beziehungen wissen, wie ihnen geschieht und womit sie es zu tun haben, sind sie meist schon Hals über Kopf verliebt, eben weil der Borderliner zu Beginn, in der Idealisierungsphase, sehr empathisch, zugewandt ist und – auf seine Weise – großartig sein kann.

      Doch leider hat es – für gewöhnlich – keinen Bestand. Erwachsenenliebe triff auf die symbiotische Liebe des „Säuglings“ – in dem Fall des Borderliners.

      Warum es geschehen kann? Weil der Partner, so lange er Hoffnung hat oder den zumeist kurzlebigen Liebesschwüren des Borderliners glaubt, auch an die Beziehung glaubt. Erst danach, nach oder während der Trennung, wacht der Partner endgültig auf – was äußerst leidvoll sein kann.

      Das Gute: Wenn der Partner die Beziehung einordnen/begreifen kann, weil er irgendwann auf den Begriff Borderline stößt, kann er die Seelen-Katastrophe zumindest mit diesem Wissen langsam heilen lassen. Ich glaube, viel schlimmer sind jene Menschen dran, die die ganze Beziehung nicht nachvollziehen können, die mit den vielen Fragezeichen weiterleben müssen – eben weil sie die Borderline-Symptomatik nicht kennen.

      Ich wünsche dir alles Liebe!

      Tanja

      1. Liebe Tanja

        Ich habe diesen Blog nochmals durchgelesen und ich muss wirklich sagen, dass Du den Kern und das Verhalten dieser Störung erstaunlich exakt und wahrheitsgetreu widerspiegelst. Es würde mich interessieren, woher Du dieses Wissen oder die Erfahrungen hast. Ich selber bin seit 2 Jahren fast täglich am Bücher lesen und Internet durchforsten. Viele Geschichten in Foren berichten von der Thematik, und alle scheinen nach dem gleichen Ablauf zu gehen.
        Diese Beziehung mit einer BLerin hat mich zutiefst in meinen Grundwerten erschüttert. Mein Selbstwert oder meine Selbstliebe ist von „normal“ auf „komplett zerstört“ gesunken, bin seither selber in psych. Therapie und versuche sozusagen, mich selber wieder zu finden. Es ist unglaublich, wozu Menschen fähig sind bzw. was diese Störung bewirken und zerstören kann. Der Ausdruck „Emotionaler Missbrauch“ ist nicht so daneben. Deshalb ist es wichtig aufzuklären, ohne anzuklagen. Da es immer mehr Borderliner gibt (wohl gesellschaftsbedingt) wächst auch die Zahl der Ex-Partner. Und diese werden mit den Dynamiken, dem andauernden Wechselspiel zwischen Symbiose und Abwertung bzw. Symbiose/Kritik/Abschuss konfrontiert, die jeden Nichtwissenden in den Abgrund stürzen kann. Leider fängt man erst an, sich mit all dem zu beschäftigen, wenn man selbst betroffen ist. Und dann ist es oft zu spät..

        Danke und alles Gute!

        Synyster

        1. Hallo Synyster,

          ich war relativ kurze Zeit selber mit einem männlichen Borderliner „in Beziehung“, obwohl ich das Wort Beziehung im Zusammenhang mit Borderline ungern verwende. Es dauerte ca. 6 Monate, bis ich mich endgültig von der Person trennte, doch danach ging es mir noch lange Zeit relativ schlecht und ich suchte nach Antworten …

          Weitere 6 Monate danach stieß ich auf das Thema Borderline und da erhielt ich erstmals Antworten.

          Mein Grund-Wissen stammt aus den im Artikel vorgestellten Büchern, manche Beispiele/Interpretationen habe ich selbst gewählt und ausformuliert, um es besser darstellen zu können. (Ich habe auch mal Psychologie studiert, jedoch lediglich 6 Semester lang.) Auch kann ich mich, glaube ich, relativ gut in die Borderline-Psyche einfühlen und so „logischere/nachvollziehbarere“ Schlüsse ziehen/abstrahieren.

          Weiters kommt hinzu, dass ich mich über das Thema mehr im amerikanischen Raum informiert habe, wo es viel mehr Information dazu auch und von Betroffenen gibt. Es gibt diverse amerikanische Youtube-Kanäle dazu, die m. E. viel sinnvoller und differenzierter, im Betrachten reifer/weiter sind, als dies im deutschsprachigen Raum der Fall ist.

          Es gibt zum Beispiel deutsche und EU-weite Borderline-Hilfe-Seiten, Vereine, die mir persönlich nicht fundiert und ausgereift genug sind. Die Codependency-Theorie wird auf diesen Seiten mehr als „breitgetreten“, was so für mich nicht stimmt. Auch wird manchmal die Borderliner-Störung poetisch verklärt oder als etwas „Edles“ dargestellt, was ich so für mich nicht akzeptieren kann – wiewohl Borderliner unter ihre Störung sicher sehr leiden.

          Es ist sicher nicht jeder Borderliner die ultimative Seelen-Katastrophe, je nach Ausprägung, aber ich persönlich würde sofort Reißaus nehmen, wenn ich es mit einem Borderliner im Beziehungssinn noch einmal zu tun bekäme. Das ist meine persönliche Meinung/Erfahrung.

          Lieber Gruß,

          Tanja

  2. Hallo Tanja

    Bei mir ist es bald ein Jahr her seit dem letzten Knall, nach mehr als 30x on/off. Nur diesmal bin ich nicht mehr zurückgegangen, was ihrerseits massive Hasstiraden mit Schuldzuweisungen, abwechselnd mit erneuten (allerdings sehr halbherzigen) Versuchen, die Beziehung wieder aufzunehmen zur Folge hatte. Dies ist nun bald ein Jahr her und es geht mir nicht gut, trotz neuer Beziehung. Eine Kontaktsperre möchte und kann ich auch nicht durchziehen, sonst müsste ich auch alle Geschäftsmailadressen und -Tel.-Nr. ändern.
    Sie ist über 50 Jahre alt und die Auswirkungen der Störung haben eher zu- als abgenommen. Dies hab ich auch schon von anderen BL gehört. Im Alter wird’s also nicht unbedingt besser.

    Eine dauerhafte (Liebes-)Beziehung mit einem BL ist meines Erachtens nicht möglich, jedenfalls nicht eine halbwegs gleichberechtigte. Es sei denn, der Partner ist massiv masochistisch veranlagt, braucht keine Freunde, eigene Familie, Job, ist jederzeit unbedingt verfügbar und kann mit den ewigen Auf/Abs leben. Letztlich bleibt er immer eine Marionette des BLers, bis ihn dieser endgültig wegschmeisst. Und dieser Tag wird kommen.

    1. Verstehe. 🙂

      Ja, was du beschreibst ist sehr typisch.

      Ich bin jetzt 40 Jahre alt und hatte es im Leben mit zwei Borderlinern zu tun. Einen traf ich, als ich 30 Jahre war – damals war weder das Thema im öffentlichen Bewusstsein, noch ich auch nur annähernd im Bilde, womit ich es zu tun hatte. Es ist die Unwissenheit, die mich leider zu lange „hoffen“ ließ, auch wenn ich in diesen Menschen nicht allzu sehr verliebt war – er hatte die Borderline-typischen Vorzüge, und auf die sprach ich damals (leider) an … Für etwa sechs Monate. Dann hat es mir mehr als gereicht.

      Den zweiten, männlichen Borderliner, traf ich 2018 in Social Media – und distanzierte mich relativ bald, nach ca. 2 eineinhalb Monaten, eben weil ich das „Gift“ im „Paradies“ schon spürte. Danach kamen von ihm via Social Media krudeste Diffamierungen, über die ich bis heute nur den Kopf schütteln kann.

      Dieser letzte Borderliner in Social Media war auch über 50 Jahre alt. Wenn ich davon ausgehe, dass die Störung in jungen Jahren noch schlimmer war, dann muss dieser Mann in seiner Jugend mehr als eine soziale Katastrophe gewesen sein, denn er war auch mit seinen 50 Jahren (noch) mehr als ein „Kaliber“. Jesus-Syndrom mit Heiligenschein drauf, dabei ein „Maneater“ höchsten Grades, äußerst nett und perfide zugleich – äußert manipulativ … Typisch eben.

      Kontaktsperre ist im geschäftlichen Sinn natürlich nicht so einfach, das verstehe ich. Es ist aber trotzdem von Vorteil, dass du mit dieser Frau keine Kinder hast. Das ist das Positive daran. Einzelne Nummern und E-Mail-Adresse kannst du natürlich sperren. Falls dann schriftliche Schriftstücke kommen, einfach wieder ungeöffnet an den Absender zurücksenden. Auch kannst du einen Rechtsanwalt einschalten. Rechtsanwälte helfen oft mehr, als die Polizei und Psychotherapeuten. Vielleicht kannst du dich auf geschäftsschädigendes Verhalten berufen.

      Wenn Borderliner in Therapie gehen, manipulieren sie häufig auch Therapeuten sehr geschickt. Eher unbedarftere Therapeuten neigen dann dazu, den Borderliner „Puder in den Hintern zu blasen“ – um es ganz salopp und deutlich auszudrücken. Das hilft jedoch nichts. Wenn dann auch noch die Codependency-Theorie an den Partner weitergereicht wird – dann „Prost Mahlzeit“. Ich persönlich trennte mich nach 6 Monaten – und war danach psychisch für ein ganzes Jahr lang nicht mehr die selbe, die ich vorher gewesen war. Hätte mir irgend ein Therapeut/Coach gesagt, ich wäre Co-abhängig gewesen, wenn ich mich doch immerhin nach 6 Monaten „Dauermanipulation“ erfolgreich getrennt habe, was relativ schnell ist, hätte ich mein Geld zurückverlangt oder mich bei den Kassen beschwert. (In Amerika ist man dahingehend Gott sei Dank weiter.)

      Ja, ich teile deine Ansicht vollkommen, dass ein Partner mehr als masochistisch veranlagt sein muss, um das langfristig, jahrelang!, aushalten zu können. Vermutlich wird es aber, je länger die Beziehung dauert, umso schwieriger, sich zu trennen. Eben weil die seelische Kraft immer weniger und die Zersetzung immer größer wird. Ich habe auch schon vom Stockholm-Syndrom reden gehört, was in dieser Weise nicht übertrieben ist.

      Danke für das Teilen deiner Erfahrung. 🙂

      Lieber Gruß,

      Tanja

  3. Ja, die seelische Kraft wird weniger und die Zersetzung grösser.
    Dies ist ein schleichender, grausamer Prozess, dem man sich kaum entziehen kann. Wenn ich meine Shit-Liste anschaue, meistens in melancholischen Phasen, wird mir fast schlecht, was ich alles mit mir habe machen lassen. Bis dahin hab ich mich als halbwegs normal-standfest mit gesundem Selbstvertrauen angesehen. Diese Beziehung hat einfach alles über den Haufen geworfen, was ich mit meinen über 50 Jahren Lebenserfahrung und vermeintliches Wissen zu glauben meinte. Das Schlimmste ist aber das Vertrauen, welches ich in diese Frau gesetzt habe. Dieses wurde nicht einfach gebrochen oder missbraucht, es wurde regelrecht und mit aller Gewalt zerstört. Schlimmer war dann nur noch die Schuldumkehr. Alles was sie getan und auch gesagt hat, wurde in mich projiziert und dort bis aufs Blut bekämpft. Der Schuldige für ihre Taten war somit ich. Keiner, der das nicht selber erlebt hat, kann das glauben.

  4. Ich bin grundsätzlich kein Kommentarschreiber, mache aber hier eine Ausnahme. die Veröffentlichung von Frau Tanja Braid hat meine Seele halbwegs wieder ins Lot gebracht. Dafür möchte ich mich unbekannterweise sehr, sehr bedanken. Die Beziehung zu einer Borderlinerin war eine Höllenfahrt. Habe mich zweimal verabschiedet. Einmal real, sehr schmerzhaft/ dramatisch/ nichts begreifend und zum zweitenmal fassungslos bis entsetzt, als ich nach der Lektüre hier schlagartig begriffen habe, dass ich mit einem Alien zusammen war. Liebe bleibt, aber langsam und allmählich nur noch als Erinnerung. Danke nochmals.
    Davongekommen

    1. Hallo Michael,

      herzlichen Dank für deinen Kommentar. 🙂

      Es freut mich, dass dich der Artikel erreicht hat und dass du deine Erfahrungen hier teilst. 🙂

      Ich bekomme speziell zu diesem Artikel viele Mails von Partner*innen von Borderlinern, die mich unglaublich berühren und tief betroffen machen. Das Leid in Beziehungen zu Borderlinern kann groß sein und entsteht u. a. auch deshalb, weil man nicht weiß, womit man es zu tun hat. Ist man aber im Bilde, wird vieles leichter, zumindest kann man klare Entscheidungen treffen.

      Auch deine Erfahrung berührt mich. 🙂

      Ich wünsche dir von Herzen alles Liebe!

      Tanja

  5. Liebe Fr. Braid, ich war selbst 5 Jahre in einer ON/OFF Beziehung mit einer diagnostizierten Borderlinerin und habe dadurch sehr viel Literatur über die Jahre zu dem Thema veschlungen. Ihr Blog fasst all diese Inhalte ungeschönt und wahr zusammen und zu jedem Ihrer aufgezählten Themen könnte ich unzählige Beispiele nennen. Bevor ich das erlebt habe, hätte ich kaum geglaubt, dass es sowas gibt und gedacht dass man das mit Liebe hinkriegt. Ein böser Irrtum! Übrig bleibt man dann als Häufchen Elend, währendessen sich die einst geliebte Frau den nächsten Retter angelt und man als Täter abgestempelt übrig bleibt. Borderliner habe die Opferrolle gepachtet, so kam sie damals auch zu mir, so geht sie weiter. Der Begriff der Polyamorie war mir neu, aber nur das Wort, denn während der ganzen Zeit wurden unzählige verfügbare neue Männer gesammelt, die sie dann als „Freunde“ deklariert hatte und die sie, wie sich im Nachhinein herausstellte, während den OFF Zeiten benutzte. Heute ist sie mit einem dieser Freunde liiert und der weiß nicht im Ansatz, was ihn noch erwartet. Noch nicht. Ich wünsche jeden der sich in solch einer Beziehung befindet, dass er da heil und wohlbehalten rauskommt und nicht versucht jemanden zu retten, der nicht zu retten ist, denn man geht selber dabei zu Grunde, langsam, grausam und sicher. Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Blog, der mich wieder ein Stückchen weiter gebracht hat. Liebe Grüße Gernot

    1. Hallo Gernot,

      lieben Dank für deinen Kommentar und das Teilen deiner Erfahrung mit einer Borderlinerin.

      Ich denke, viele, die hier ein bisschen in den Kommentaren lesen, können auch von deiner Erfahrung profitieren. 🙂 – Zumindest dahingehend, dass sie wissen, dass sie nicht alleine sind.

      Ich danke dir auch für das Feedback (zu mir) und wünsche dir alles erdenklich Liebe! 🙂

      Gruß, Tanja

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.