Gesellschaft: Gewahrsein im Alltag

Ist wirklich immer der Konsument in der Pflicht, wenn er mit einem Billigschnitzel liebäugelt? Wie anstrengend ist es, ein Gewahrsein gegen das Schlechte und Manipulative in der äußeren Welt aufrecht zu halten? Wer hat Schuld? Und was kann man tun? Hier ein Artikel, der sich mit diesen Fragen beschäftigt:


GesellschaftKennt ihr das? Vor etwa zwanzig Jahren war das allgemeine Bewusstsein so, dass man glaubte, man wäre ein guter Mensch, wenn man nichts äße, was mehr als zwei Beine hätte. Begriffe wie „bio“, „regional“ und „seasonal“ wurden große Schlagworte. Zehn Jahre später hatte man das Gefühl, wann wäre nur mehr noch ethisch, wenn man vegetarisch lebte. Warum soll ein Tier sterben, „nur“ damit ich leben kann? „Leben“ kann ich ja auch ohne „Tiermord“. Weitere zehn Jahre später hieß es nicht mehr, warum ein Tier für mich sterben soll, sondern warum ein Tier für mich leiden soll – „nur“ damit ich leben kann. Damit war der vegane Lebensstil geboren, und der Honig aufs Butterbrot schmeckte plötzlich nicht mehr so gut wie der Kaffee mit Milch, denn plötzlich aß das Gewissen mit: Honig? Honig stammt doch von arbeitenden Bienenvölkern, denen ich plötzlich die Nahrung stehle, und für Milch im Kaffee müssen sich Kühe jährlich einmal zwangsbesamen lassen, und die Kälbchen werden sofort oder wenige Tage nach der Geburt von den Mutterkühen getrennt. Dass die arme Mutterkuh stunden- od. tagelang nach dem Kälbchen schreit, hören wir ja nicht.

Ja, das Gewissen isst mit.

Doch damit war es nicht genug. Die Kleidung, die wir tragen … Haben die wirklich keine Kinder in Asien produziert? Ist das Klopapier, das ich benutze, recycelt? Schadet mein Spülmittel den Gewässern wirklich nicht? Hab ich schon Strom, der durch Wasserkraft erzeugt wird? Wie viel Fluorid ist nun wirklich im Leitungswasser? Geht das Plastik von Petflaschen wirklich ins Getränk über? Und wie ernähre ich meinen Hund vegetarisch?

Der Konsument ist also gefragt, sich zu informieren – und das am besten permanent. Es scheint vor allem in Zeiten von Fake-News ein Fulltimejob zu sein, gut informiert zu sein. Doch langsam frage ich mich, ob die Menschen damit nicht an ihre Grenzen kommen. Wenn Menschen im Job schon unter Druck stehen, daneben noch den Haushalt schmeißen und/oder einen Pflegefall in der Familie haben, dann sind die Aufrufe allerorts, achtzugeben, ob der Kaffee, den man kauft, auch fairtrade ist, am besten bio, ob das Schwein, das auf den Teller kommt, hoffentlich gut gelebt hat, ob das Daunenbett, mit dem man sich abends zudeckt, hoffentlich nicht aus Lebendrupf stammt, vielleicht einmal zuviel.

Doch die Aufrufe werden mehr, nicht weniger. Dies liegt darin begründet, weil es die natürliche Gegenbewegung zur kapitalistischen Infiltration unserer Politik ist. Fleischindustrie, Pharmaverbände, Trader … Ich brauche die Akteure nicht extra zu nennen. Zudem wird seit den späten 90er Jahren der Abbau der Sozialgesetze systematisch und schleichend voran getrieben … Es ist also klar, dass A-Prominenz, Blogger, Face-Book-Revoluzzer, Tierrechtler, freie Journalisten und Philanthropen ihre grellsten Fahnen hissen und dort ansetzen, wo es sinnvoll ist: nämlich beim Bewusstsein der Menschen.

Wir gelten heute als aufgeklärt, wenn wir wissen, wie viel Liter an Wasser und Kilogramm an Getreide für die Erzeugung von einem Kilogramm Fleisch benötigt wird. Wir gelten als aufgeklärt, wenn wir wissen, was Iso-Glucose ist, dass es eine Fluorid-Verschwörung gibt, dass für die Fettleibigkeit in den USA die Zuckerindustrie verantwortlich ist, wie schädlich W-LAN ist, dass Weizen dem Körper zusetzt, dass Aspartam Alzheimer bedingt und Essen aus der Mikrowelle der 7. Teil von „Stirb langsam“ sein könnte …

Nun zieht also ein bunter Schweif von Fahnen um den Konsumenten herum, und der Verbraucher trägt nun auch diese Verantwortung noch, all das wieder gut machen zu müssen, was der Neoliberalismus anrichtet. Ein Beispiel hierzu aus der Massentierhaltung: Ein männliches Ferkel wird betäubungslos kastriert, wächst schnell heran, kennt kein Tageslicht, hat nie eine Wiese gesehen, schläft auf einem Spaltenboden im eigenen Dreck, kennt nichts als Enge und Zwang, wird irgendwann grob verladen, getreten und getrieben, kommt zum Schlachthof, wird kurz betäubt, aufgeschlitzt und in eine heiße Lauge geworfen, damit die Borsten abgehen … Eine Studie besagt, dass aufgrund der schnellen Taktung der Schlachtung Fehler geschehen, daher jährlich 500.000 Schweine lebend in die heiße Lauge geworfen werden, dort also qualvoll verbrühen. (Quelle: Der Focus) Von der Geburt bis zum Tod kennt ein Schwein also nur Leid.

Was wir davon sehen ist das Fleisch in der Plastikschale mit einem netten Bildchen drauf. Von artgerechter Haltung kann also keine Rede sein; und die Fleischindustrie argumentiert diesen Misstsand immer wie folgt fort: Der Verbraucher will es so, denn er will für Fleisch nicht viel bezahlen. Die Fleischindustrie ist also der Pontius Pilatus unter den Akteuren, der um das Übel zwar sehr genau weiß, seine Hände aber trotzdem in Unschuld wäscht. Gleichzeitig macht P. P. sofort die Schotten dicht, wann immer ein Kamerateam vor dem Schweinestall oder Schlachthof ante portas steht … Das kann man ja den Verbrauchern nicht zumuten, diese Bilder, um Gottes Willen! Wenn die das wüssten, stünden wir da wie die Nazis vor den befreiten Konzentrationslagern … 

Die, die für das Übel verantwortlich sind, sind also niemals die, die das Übel aufheben werden. Daher die grellen Fahnen, der ethische Einkaufsführer, die Doku über Palmfett, Rentnerarmut, Tierversuche, Veganismus und daher auch Freeman-Bewegung, Reichsbürger und Anonymous …

Der Alltagsmensch wiederum rebelliert auf andere Weise. Was kann er dafür, wie Schweine gehalten und geschlachtet werden? Was kann er für die Herbizide in der Landwirtschaft? Für die Abholzung des Regenwaldes? Warum soll er sich dafür auf ewig und immer schuldig fühlen, wenn er doch die Entscheidungen, die diese negativen Entwicklungen begünstigen, gar nicht trifft?

Also hat er auf der einen Seite das Billig-Schnitzel und auf der anderen den Fahnenzug, der ihn immer stärker bedrängt. Kauf Fairtrade, kauf bio. Seasonal und regional. Informiere dich! Wisse, dass die beste Waffe, die du hast, deine Geldtasche ist.
Und so kauft der wache Mensch ein, vielleicht nach der Arbeit, schnell, schnell, weil die Kinder ja bald aus der Schule kommen und der Hund auch noch versorgt werden will, und Zuhause, wenn er den Einkauf auspackt, entdeckt er mit bleischwerem Gewissen seinen Fehler: Verdammt, jetzt wurde doch in der Eile die falsche Weichspülmarke eingekauft. Diese Marke ist billig und unethisch. Wer weiß schon, wie viele Tierversuche dafür gemacht wurden, wer weiß schon, ob die Umwelt diesen Weichspüler auch gut abbauen kann, und das Schlimmste  nun wurde auch noch Procter & Gamble (oder irgendeinen einen anderen Großkonzern) wieder unterstützt.

Was nicht in der Politik entschieden wird, wird an den Kassen entschieden. Das ist ein Faktum. Aus diesem Grund ist der Informierte heute der wahre Feind des Turbokapitalismus. Dass der Fahnenzug jedoch sehr gerne auch den unreflektierten Menschen anprangert, wie zum Beispiel den Billigfleischgenießer, ist ein verquerer Schuss aus der Hüfte, der die Schuldfrage dort lösen will, wo keine Schuld besteht. Der Alltagsmensch kann nichts dafür. Ja, er könnte sich informieren. Aber nicht rund um die Uhr und permanent. Und wenn er das nicht kann oder schafft, so ist er zwar weiterhin uninformiert, jedoch nicht mit einer Schandmaske ins Eckchen zu stellen, dorthin, wo er überdies anstelle des Fleischlobbyisten steht.

Menschen gelangen sehr schnell an ihre Grenzen, wenn sie sich für alles verantwortlich fühlen müssen, was Großkonzerne, Interessensverbände, Politiker und marode Gesetze in die Welt bringen. Es ist gerade so, als zeige man mit dem Finger auf sie und sage: Weil du dich nicht genug informierst, weil du Zahnpasta mit Plastikkügelchen benutzt, weil du die falschen Fakenews liest – und die richtigen, weil du dir in der Eile mal Cola in Petflaschen gekauft hast – und kein Mineralwasser ohne Fluorid in Glasflaschen, sind die falschen Leute an der Macht und üben weiterhin schlechten Einfluss aus.
 
In der Verantwortung stünden natürlich die Akteure wie benannt, doch diese denken gar nicht daran, etwas zu verändern, sondern treiben ihre „Schweinereien“ immer weiter voran, auf Kosten der Tiere, der Umwelt und unserer Gesundheit. Also kann letztlich nur der informierte Mensch auf- und einspringen, bis irgendeine technische Entwicklung – wie beispielsweise Kunstfleisch – eine neue Ära einleiten wird …

Bis dahin müssen wir uns eben klar sein, dass wir mit unserer Kaufentscheidung eben dies tun: entscheiden. Es mag energieraubend sein, bewusst zu leben und bewusst zu konsumieren. Auch mir gelingt es nicht immer. Dieses ständige Aufrechthalten eines Bewusstseins gegen das Schlechte und Manipulative in der äußeren Welt, gegen Medien, Alltag, Werbung, ist ein großer Energiefresser. Aber wer es schafft, arbeitet nicht nur für andere an der äußeren Front, sondern arbeitet genauso für sich selbst, in seinem Inneren  denn Umweltverschmutzung ist Inweltverschmutzung. Äußere Unmoral ist innerer Schmutz. Äußere Ethik dagegen ist innere Hygiene. Mein Schlusswort daher: „Leute, bleibt sauber.“

Weiterführende Literatur:

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Copyright: © Tanja Braid, www.neoterisches-bewusstsein.com

3 thoughts on “Gesellschaft: Gewahrsein im Alltag”

  1. Ich musste diesen Artikel mehrfach lesen, um herauszubekommen, dass er doch nicht ganz daneben ist. Ich denke schon, dass es eine Herausforderung sein kann, ALLES „richtig“ zu machen. Dass aber für Fleisch und Fisch Tiere gequält und ermordet werden, ist sehr leicht einzusehen. Und eigentlich ist es von da auch nur ein kleiner Schritt, um zu begreifen, welchen Anteil die Milch- und Eierindustrie an diesen Verbrechen hat. Und wenn man erst mal so weit ist, denkt man auch über Leder, Pelz usw. nach.

    1. Hallo Rudolf,
      ich danke dir für deinen Kommentar.
      Ja, das freut mich aber, „dass ich da doch nicht ganz daneben“ bin. 😉
      Bzw. denke ich, dass sich der Artikel beim Lesen schon selbst erschließt …
      Und ja: Natürlich ist der nächste Schritt hin zum Veganismus. Ich bin ja auch Veganerin. Doch sehe ich die Entwicklung doch in Richtung „Kunstfleisch“. Ich denke, in zwanzig Jahren hat sich das durchgesetzt, und zwar nicht über die Ethik oder weil es uns Veganer gibt, sondern – as usual – über den Preis.
      Liebe Grüße,
      Tanja

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