Traumtagebuch: Siron und der Tuchhändler

Traumtagebuch ist eine Reihe, in welcher ich von denkwürdigen Trüb- oder Klarträumen berichte. Um diese Aufzeichnungen verstehen zu können, wäre Grundlagenwissen im Klarträumen und Astralreisen vorteilhaft, jedoch kann man auch mit einer unvoreingenommenen Lesart an die Texte herangehen:

Zwei Kanten ragen in das schummrige Licht des Hauses. Ich erkenne die Umrisse eines Webstuhls. Neben mir regt sich jemand. Er drückt meine Hand. „Du musst gehen. Ich muss noch Tücher fertig machen.“ Seine Stimme ist freundlich.
In diesem Moment werde ich klar. (Ich werde mir bewusst, dass ich träume.) Ich liege nackt inmitten eines Wustes an seidigen Stoffen in der Dunkelheit, neben mir der Mann, mit dem ich offenbar gerade intim gewesen bin. Und eben dieser komplimentiert mich jetzt mit erlesener Freundlichkeit hinaus  …
„Ja. Ja natürlich …“, springe ich bei. „Die Tücher sind wichtig. Ich bin schon weg.“
Er küsst meine Schulter. „So ist es nicht …“
Wie auch immer. Es ist ja nur ein Traum und ich hatte mir im Wachzustand einige Sachen vorgenommen, die ich erleben wollte. Ich lasse meine Beine über die Bettkante gleiten, was auf den seidigen Stoffen sehr leicht geht.
Während ich nach Kleidung suche, steht er gemessen auf. Ich sehe seine langen Beine, die langen, schwarzen Haare und dann – ein beinahe überirdisch schönes Gesicht …
Er sieht aus wie ein Elf.
Er ist einer.
Die Erkenntnis kommt wie mit der Verzögerung einer Live-Übertragung, Ton und Bild stimmen nicht, Wissen und Sehen stimmen nicht, und als sich die Spuren einpendeln, fühle ich einen sanften Schock: Wenn das ein Elf ist, träume ich dann (wirklich)? Ich fühle zurück zu meinem schlafwarmen, realen Körper. Ja, es ist ein Traum, aber seit wann mag ich denn Elfen?
Und sie mich?
Und wie stehe ich dazu? Und warum schlafe ich mit einem? Ich forsche nach tieferen Gefühlen, frage mich, ob ich mit diesem Elf nur liiert oder in ihn verliebt bin, forsche nach irgendeinem moralischen Gefüge, doch da ist weder das eine noch das andere, sondern nur das Wissen, dass es so, wie es ist, okay ist.
Als er sich an den Webstuhl setzt und damit zu hantieren beginnt, bin ich endlich in einem Kleid. Unauffällig gehe ich zur Haustür und trete hinaus in einen belebten, sonnigen Tag.

Überall sind Menschen. Nein. Elfen. Ich bin auf einem Marktplatz. Das ursprüngliche Vorhaben, eine Astralreise zu wagen, verblasst wie eine ferne Erinnerung, denn die mich umgebende Welt – obwohl merkantil – ist wie ein visuell-seelischer Flash, ein Imprint von „was du siehst, das fühlst du“ und umgekehrt. Sehen und Fühlen sind eins. Und so lächle ich, denn nichts ist so stimmig und gut, wie der Anblick dieser Welt. Sie ist pur und ästhetisch, mit silbern schimmernden Pflastersteinen, glänzenden Früchten, geometrisch angeordneten Ständen, angenehmen Stimmen, behelmten Reitern am äußeren Rand, dunklen Wäldern am Fuße eines Gebirges, darüber ein hoher, tiefblauer Himmel … Und jedes Ding, jedes Tier, jeder Elf steht und bewegt sich am richtigen Fleck. Es ist wie eine durch-choreographierte Realität, deren Muster/Ablauf sich mir augenblicklich erschließt, weil es hier keine Zufälle gibt. Oder umgekehrt: Es gibt nur für denjenigen Zufälle, der die Choreographie nicht kennt.
Ein Name fällt mir ein. Siron. Aber ich kenne keinen Siron …
Das vage Gefühl, schon mal hier gewesen zu sein, beschleicht mich. Wenn am Ende des Platzes der blaue Feuerring wäre, wüsste ich es. Schon setze ich mich in Bewegung, gehe an vielen Ständen vorbei, eine breite Straße hinauf, eine Biegung nach rechts … Da ist er. Ich wusste es doch! Ein blauer Feuerring mit etwa sechs Metern Durchmesser brennt auf einer mit weißen Steinen gepflasterten Fläche. Also war ich schon mal hier. Mal schauen, was es damit auf sich hat …
Jemand tritt mir entgegen. „Halt.“
Ich sehe zu ihm auf. Lange blonde Haare, silberne Augen, strenger Blick.
Siron.
Mein Körper meldet sich augenblicklich. Vergessen ist der Feuerkreis. Offenbar habe ich auch zu diesem Elf eine intime Beziehung, denn ich fühle mich sofort zu ihm hingezogen und es ist seltsam, wie stark diese Anziehung ist …
„Kommst du vom Tuchhändler?“ Seine Stimme ist ernst, aber sanft.
„Ähm …“ War es klug, zu antworten? Sehen ist Fühlen und Denken ist Hören. Er weiß es doch schon. Und ich weiß über den Klang seiner Stimme, dass ich mit ihm tiefer als nur erotisch verbunden bin. Trotzdem scheint meine Verbindung mit dem Tuchhändler für ihn ebenso okay zu sein, was für mich ein weiteres Indiz ist, dass es sich nur um einen Traum handeln kann, denn wenn Eifersucht und Treue keine Rolle spielen …?
„Ja. Ich komme vom Tuchhändler.“
Siron lächelt. „Schau.“ Er deutet hinunter in Richtung Markt.
Und die Anhöhe herauf kommt eben dieser. Der Tuchhändler. Ein Maßband lugt unter den Enden seiner dunklen, langen Haare hervor, über dem Unterarm liegen dunkle Stoffe, sein Blick ist vertraut, aber schelmisch … „Die Tücher sind jetzt fertig“, lässt er mich wissen, und ich weiß nicht, wozu. Ich habe ja nichts beordert.
Die Stoffe, so erkenne ich jetzt, sind magisch. Sie sind nicht nur Weberzeugnisse, sondern äußerst kostbar. Und nur er, dieser Elf, konnte sie herstellen. Jetzt ist er direkt vor mir. Er legt die Stoffe ab und beginnt Maß zu nehmen, beginnend bei meiner Taille.
Siron, der hinter mir steht, drückt seine Lippen auf meinen Scheitel und beginnt, meinen Arm zu streicheln, den sich der Tuchhändler nun geschäftig nimmt und angelegentlich an ihm herummisst …
Siron lacht leise. „Hör auf mit deinen Späßen.“ Amüsement und Ernsthaftigkeit mischen sich in der Luft zu einem Befehl.
Der Tuchhändler lacht und legt augenblicklich das Maßband weg. Er beugt sich zu mir herab, streicht meine Haare zurück und flüstert in mein Ohr: „Du musst wissen: Ich kenne deine Maße schon längst.“ Seine Finger kosen meinen Hals, sein Atem streicht über meine Haut. „Und Siron kennt sie auch.“
Tja. Das wäre jetzt der Zeitpunkt, an welchem ich etwas wie „Du Schuft“ sagen oder empört davongehen sollte, doch spätestens seit Siron meinen Arm zu streicheln begonnen hat, war ich schon bezwungen. Es ist zu stark. Und jetzt, da er mich langsam von hinten umfängt, während der Tuchhändler meinen Mund sucht, wird mir klar, dass ich aufwachen würde, wenn das so weiter ginge … Denn das ist immer so. Ich sollte zu dem Feuerring gehen, fällt mir ein. Das hier ist nur Ablenkung. Und doch kann ich keinem von beiden sagen, dass er sich zurücknehmen soll. Ich schaffe es nicht. Wenn Erotik im Alltag eine Option ist, dann ist sie hier eine Notwendigkeit, und ich kann nicht anders, als es zuzulassen und zurückzusinken … Und so bin ich noch nicht einmal zur Hälfte entblößt, während dunkle Haare über meinen Bauch gleiten, ein blonder Bartschatten über meine Wange reibt und wissende Hände über meine Flanken streichen, als ich die Augen aufschlage.

Weitere Informationen zum Thema Luzides Träumen – Begriffsgeschichte und Überblickswissen von den Anfängen bis zur Moderne, Literatur- und Filmempfehlungen – klick auf Klarträumen.

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Geboren 1978 – Bloggerin | Beraterin zu spirituellen Themen | Kundalini | Neoterikerin | Herausgeberin von Neoterisches Bewusstsein – Moderne Spiritualität | Mehr zu mir | Kontakt | FB-Profil Tanja Braid | FB-Seite Neoterisches Bewusstsein | Gruppe Astral SpaceSpenden |

1 thought on “Traumtagebuch: Siron und der Tuchhändler”

  1. Liebe Tanja,

    was es mich erkennen lies, bei solchen Klarträumen, war eine neue Dimension des Begriffes „Klartraum“ als etwas, dass erst im Nachgang dazu, sich manifestiert. Klartraum als dem Willen unterordnet verstanden und somit lenkbar, steuere ich bewusst, zu freiem Fluss des Geschehens. Der Geist wird sich dann seinen Weg suchen, durch das Labyrinth im Klartraum, und ich kann es nur geschehen lassen.
    Wie du choreografisch schön gezeichnet hast, schichten sich mir jeweils die Ethik, Moral, Reflexion, Empathie, aber auch die Fantasie, zu Gebilden auf. Die selbstorganisiert sind, unterschiedlich prägend und in öffnender Weise, mir dann Differenzen aufzeigen. Das ergibt sich dann jeweils am Folgetag, beim Abgleich vom erträumten Optimum zur realen Realität. Manche, und gerade die überraschenden, banalen Erkenntnisse, die ich daraus gewonnen hatte, machte freiluftschaffend, die neue Ebene des Klartraumerlebnisses aus. Wie ein Aufblühen von neuen Gedanken, Ideen und Motivationen, und ein „Neugeboren sein“ Gefühl stellt sich mir folgend ein.
    Nebst „männlichen“ Elfen gibt es auch „weibliche“ Feen, die geschlechtslos wie sie so sind, mir schon sexuelle Erlebnisse einer anderen Qualität bescherten, die anders als real, mehr um die oben genannten Faktoren bemüht sind. Im Zusammenspiel mit intimsten sexuellen Vorlieben, manifestiert sich die Ethik und Empathie in seltener Klarheit und Licht, da es sich um unbestechliche Gefühle der Menschen handelt. Somit steigert sich auch die Erfolgsquote der Erhellungen, insofern die Gedanken nicht trüb, und man sich selber damit nicht täuscht. Nach Ehrlichkeit bemessen, je intimer im eigenen Bereich, umso unmöglicher es gemacht wird, falsche Realitäten zu verfolgen. Einhergehend auch mit einer Befreiung des Geistes, und der Hinwendung zum eigenen, selber bestimmten Leben. -martin

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